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Schweriner Gymnasien zum Thema Medienkompetenz : "Einfach mal mitspielen"

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Sind Computerspiele die Geißel der modernen Mediengesellschaft? Was Studien in den vergangenen Jahren zutage gefördert haben, treibt vielen engagierten Eltern Sorgenfalten ins Gesicht.

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erstellt am 14.Apr.2011 | 09:33 Uhr

Sind Computerspiele die Geißel der modernen Mediengesellschaft? Was Studien in den vergangenen Jahren zutage gefördert haben, treibt vielen engagierten Eltern Sorgenfalten ins Gesicht. Einige Beispiele referierte Elternratsvorsitzender Dr. Rainer Kosmider beim gemeinsamen Elternabend der drei Schweriner Oberschulen in der Aula des Goethe-Gymnasiums: 91 Prozent der Jugendlichen sind täglich online und zwar im Schnitt zwei Stunden lang. Schon 15 Prozent der 6- bis 12-Jährigen haben einen eigenen PC im Kinderzimmer, einige sogar einen eigenen Internetzugang. Aus Videoclips und Computerspielen sind sie schnelle Szenenwechsel und Schnitte gewohnt, so dass sie einen klassischen Kinofilm aus den 50er-Jahren überhaupt nicht mehr aushalten. Ebenso wenig, wie drei Seiten am Stück in einem Buch zu lesen. Wenn sie das fiktive Märchen von der "Königstochter im Zauberschloss" zu Ende erzählen sollen, wählen vor allem die Jungen oftmals ein extrem gewalttätiges Ende, das mehr von Computerspielen als von den Brüdern Grimm inspiriert zu sein scheint. Viele Mädchen hingegen entscheiden sich für ein Happy End wie aus einer Daily Soap. Das Schlimmste aber: Mehr als 50 Prozent der Eltern wissen gar nicht, was ihr Kind am heimischen PC macht und welche Risiken im Netz neben den vielen Chancen und Möglichkeiten existieren. Wie sollen sie darauf reagieren, wenn ihr Kind nicht mehr auf sie reagiert, sondern nur noch vorm PC klebt?

Klare Grenzen setzen, aber nicht verbieten

"Keinesfalls das Spielen und Surfen verbieten und alles verteufeln", lautete die eindeutige Empfehlung von Birgit Grämke von der Landeskoordinierungsstelle für Suchtvorbeugung. "Sonst gehen Ihre Kinder zu Freunden, in den Club oder in ein Media-Geschäft." Der Tipp der Experten: Mit den Kindern über die Spiele reden, sich interessieren - und am besten selbst mal kurz mitmachen. Insgesamt könnten so sogar beide Seiten von den Fähigkeiten des anderen profitieren: Die Jugendlichen sind meist technisch viel versierter als ihre Eltern. Diese haben dafür die höhere soziale Kompetenz. Sie haben auch die Möglichkeit und vielleicht sogar die Pflicht, Grenzen zu setzen und von Anfang an klare Regeln - auch über die tägliche Spielzeit - auszugeben. "In den Gilden der World of Warcraft gibt es das ebenfalls und die Mitspieler befolgen sie ganz selbstverständlich", sagt Psychologe Alexander Groppler, der in der Klinik für Abhängigkeitserkrankungen arbeitet und selbst bekennender "Gamer" ist.

Groppler nahm die Eltern im Goethe-Gymnasium auch mit auf eine faszinierende Reise in die Welt der Computerspiele, zeigte atemberaubende Animationen in mythischen Zauberwelten, Egoshootern, Rallyesimulatoren und E-Sportwettkämpfen. Schnelle, messbare Erfolgserlebnisse versprechen die Spiele ebenso wie Abenteuer und den Zugang zu ungekannter Macht. "Bei Catch Foucan können sogar übergewichtige Bewegungslegastheniker Spitzensportler schlagen", sagt Groppler. Und im Ältestenrat der virtuellen Spiele-Welt werden sie Anführer einer ganzen Internetgemeinde aus reellen Personen, die ebenfalls am Computer online sind. Perfekt gestaltete Erlebniswelten, in denen hinter jeder Ecke eine neue Überraschung, ein neuer Schock, eine neue Herausforderung warten und die auch weiterlaufen, wenn der Computer ausgeschaltet ist, ziehen vor allem Jungen in ihren Bann. Mädchen greifen lieber auf die sozialen Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ zurück oder Familiensimulationsspiele wie Sims.

Erfundene Welt wird wichtiger als die Realität

Mit durchschnittlich 4,5 Spiel-Stunden pro Tag gelten Jugendliche als exzessive Nutzer, aber noch nicht als süchtig. Wen die Computerwelt wirklich gepackt hat, für den ist das erfundene Ich bald bedeutsamer als das reale. Je trauriger die eigene Realität, desto größer die Gefahr, in die Spielwelt auszuwandern. Für Spielsüchtige sind 18 Stunden am Rechner kein Problem, so Groppler. Sie vergessen zu essen, sich zu waschen, brechen Sozialkontakte ab, kennen keine Verpflichtungen mehr. "Da kommen sie nur mit professioneller Hilfe wieder raus", erklärt der Psychologe.

Wie sich Computerspiele langfristig auf das Gehirn auswirken, darüber gäbe es noch wenig gesicherte Forschungsergebnisse, sagt Dr. Christian Haase, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Helios-Kliniken Schwerin. "Einen klaren Befund haben wir allerdings: Wer regelmäßig SMS verschickt, vergrößert das Areal im Gehirn, das die Daumensteuerung repräsentiert."

Allerdings machen die oftmals brutalen und sehr realistischen Darstellungen von Tod und Töten langfristig unempfindlich gegenüber Gewalt und senken das Einfühlungsvermögen. Die Leistungen in den Fächern Deutsch, Mathe und Sachkunde würden bei vielen Spielern extrem einbrechen und auch die Motorik leidet. Dennoch: "Spielen macht Spaß", sagt Haase. "Man sollte es in Maßen erlauben, wenn anderes nicht darunter leidet. Und: Eltern müssen Alternativen anbieten und selbst Vorbild sein." Denn Sätze wie "Komme gleich, nur noch dieses Level" würden immer häufiger auch Vater und Mutter sagen.

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