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Wie war es im All, Sigmund Jähn? : Eine weiche harte Landung

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Sigmund Jähn über seinen Flug mit der Sojus 31, über harte oder weiche Landungen und sein Leben im Ruhestand. Von 1978 bis 2012 – das Interview mit dem Kosmonauten auf:

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2012 | 07:19 Uhr

Wie geht es Ihnen? Wie leben Sie im Ruhestand?

Ich lebe in Strausberg bei Berlin, wie so ein Rentner eben lebt. Allerdings bin ich auch nach wie vor mit kosmischen Angelegenheiten beschäftigt, fahre zu Vorträgen und Gesprächen.

Ihr Weltraumflug liegt jetzt gut 34 Jahre zurück. Wie frisch ist die Erinnerung an Start, Flug und Landung?

Ich hatte die Chance und das große Glück, seit 1990 in diesem Fachgebiet bleiben zu können. Ich habe im "Sternenstädtchen" bei Moskau die Kosmonauten-Kandidaten der Bundesrepublik und anderer Länder der europäischen Raumfahrtagentur (ESA) betreut. Manchmal war ich, wenn diese Männer zu ihren Starts nach Baikonur geflogen sind, aufgeregter als bei meinem eigenen Start. Auch heute noch beantworte ich fast täglich Briefe von Enthusiasten und Sammlern zu meinem Raumflug und zum Thema Raumflug und Kosmosforschung. Das geht meist bis Mittag, ehe ich dazu komme, die Aufgabenstellungen meiner Frau zu erledigen oder besser gesagt etwas für die Familie zu tun.

In einigen Biografien liest man, dass Sie von der extrem harten Landung in der kasachischen Steppe bleibende Wirbelsäulenschäden davongetragen hätten. Im "Neuen Deutschland" hieß es 1978 aber "weich gelandet". Was stimmt denn nun?

Das kann man so und so sehen. In der Betriebsanleitung für das Raumschiff gab es die Begriffe weiche und harte Landung. Die harte Landung wäre zu erwarten, wenn sich der Hitzeschild der Landekapsel aus technischem Grund in 5000 Meter Höhe nicht lösen würde. Damit wäre die Masse der Kapsel eine halbe Tonne schwerer und zudem könnten vier Bremsraketen unmittelbar vor dem Aufsetzen nicht zünden. Das war bei uns nicht der Fall; also hatten wir per Definition eine weiche Landung.

Das Problem bei uns war der starke Wind. Beim Aufsetzen arbeiteten die Bremsraketen normal. Allerdings fiel der etwa 1000 Quadratmeter große Fallschirm wegen des starken Windes nicht in sich zusammen. In der Folge überschlug sich die Kapsel mehrmals. Als Bordingenieur saß ich außerhalb des Zentrums der Kapsel. Das machte die Sache noch interessanter. Beeindruckt waren wir aber schon von unserer "weichen" Landung.

Wie lässt sich der deutsche Beitrag zur Kosmosforschung kurz beschreiben?

Deutschland hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größten Chancen, eine Weltraumnation zu werden. Viele Ingenieure und Techniker haben sich mit diesen Problemen beschäftigt. In Peenemünde wurde seit Ende der 30er-Jahre mit dem Geld der Militärs das Raketentriebwerk A-4 entwickelt, das im Zweiten Weltkrieg als "Vergeltungswaffe" bezeichnet wurde. Wenn man jetzt einmal nur die technische Entwicklung sehen würde, nach welcher dann sowohl die amerikanischen als auch die sowjetischen Konstrukteure gegriffen haben, dann war dieses Triebwerk die beste technische Leistung jener Zeit auf diesem Gebiet.

War auch die DDR eine Kosmosnation?

Als 1976 in Moskau während einer Sitzung des Rates Interkosmos der Entschluss gefasst wurde, von der Mitarbeit an unbemannten Raumflügen zu gemeinsamen bemannten Flügen überzugehen, hatten wir eine gute Ausgangsposition. Da die DDR wie auch die Tschechoslowakische Republik bis dahin den größten Beitrag für das Interkosmos-Programm geleistet hatten, sollten auf Vorschlag der sowjetischen Seite auch die ersten Kandidaten für das bemannte Raumfahrtprogramm aus diesen Ländern kommen. Insofern war die DDR schon eine Kosmosnation, wenn auch eine kleine.

Wenn Sie noch einmal in den Kosmos fliegen könnten, würden Sie es tun?

Ja, ich würde es auf jeden Fall wieder tun. Aber das ist natürlich eine rein theoretische Antwort ohne wirkliche praktische Relevanz. In meinem Alter bin ich von einem Raumflug unendlich weit entfernt. Für eine solche Reise stehen heute viele andere junge Leute parat. Auch ein deutscher Kandidat befindet sich im Training. Er soll 2014 fliegen.

Gab es eine reale Chance für Sie, nochmal ins All zu fliegen?

Ja, es hat diese Idee gegeben. Ich habe selbst an entsprechenden Verhandlungen von Vertretern der Akademie der Wissenschaften der DDR in der Sowjetunion teilgenommen. Das muss 1988, 1989 gewesen sein. Das war also schon die Zeit von Gorbatschow und Perestroika. Dort hat man uns aus der DDR ganz klar und eindeutig gesagt: Wenn Sie richtiges Geld dafür haben, dann ja. Auf partnerschaftlicher Basis wie bisher im Interkosmos-Programm funktioniert das nicht mehr.

Da war also der Kapitalismus wieder nach Russland zurückgekehrt?

Das kann man so sagen. Zumal auch andere Länder wie Syrien und Indien, aber auch Frankreich schon für Geld mit den Russen ins All geflogen waren. Auch die damalige Bundesrepublik führte schon solche Verhandlungen.

Wie kommentieren Sie den Weltall-Sprung des Österreichers Felix Baumgartner? War das von irgendwelchem wissenschaftlichen Wert oder nur reine Werbung und geschicktes Marketing?

Es steckt schon sehr viel persönlicher Mut dahinter. Der Mann ist eben ein Extremsportler. Ob es von wissenschaftlichem Wert zum Beispiel für die Kosmosforschung war, das wage ich zu bezweifeln. Ich glaube eher andersherum, dass die Raumfahrt für diesen Sprung die Grundlagen geschaffen hat. Denn wenn man mit einer Raumkapsel nach unten fällt, dann macht man das Gleiche sogar aus 300 bis 400 Kilometern Höhe, freilich in einer viel sichereren Kapsel. Die Schutzeinrichtungen, die man dafür braucht - Blut fängt bereits bei 20 Kilometern Höhe an zu kochen - sind ursprünglich für die Raumfahrt entwickelt worden.

Stimmt es, dass Sie eigentlich Lokomotivführer oder Förster werden wollten?

Ja, das stimmt.

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