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19. November 2017 | 00:26 Uhr

Eine Perle putzt sich heraus

vom

svz.de von
erstellt am 25.Okt.2010 | 10:19 Uhr

Heiligendamm | Weil das noble Grand Hotel in Heiligendamm während des Novembers die Türen schließt, können nebenan die Baumaschinen loslegen. Nach einer zwei Monate dauernden Lärm-Pause hat gestern der Neubau der 2007 abgerissenen "Villa Perle" endgültig begonnen. Das einst denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1854 war das erste der sieben weißgetünchten Logierhäuser an der Promenade, die zur einzigartigen "Perlenkette" der "Weißen Stadt am Meer" gehören. Wann die das gesamte Ensemble im neuen Glanz erstrahlt, bleibt ungewiss.

Während die Ostseewellen herbstlich rauschten, rollte gestern eine schwere Ramme auf den Rasen hinter dem weißen Bauzaun. Der erste Baustart für die "Villa Perle" war nach wenigen Tagen im August abgebrochen worden, weil sich Gäste über den Lärm beschwerten. In den kommenden Wochen betäubt die Ramme höchstens die Ohren der Hotel-Mitarbeiter und der Anwohner, denn das Grand Hotel in Deutschlands ältestem Seebad wird "gästefrei" renoviert.

Drei Villen zum Abriss frei

Bis zum Frühjahr 2012 soll die neue "Villa Perle" errichtet sein, heißt es. Den Termin will Kirsten Brasche-Salinger, Sprecherin der Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH), allerdings nicht bestätigen. Auch über die Investitionssumme möchte sie nicht reden. Von außen wird das Logierhaus weitgehend der alten im Zustand von vor 100 Jahren ähneln. Innen hingegen werden auf 1200 Quadratmetern neun moderne luxuriöse Eigentumswohnungen eingerichtet. Ohne historisches Vorbild ist auch der Keller und der Zugang zur Tiefgarage, die eines Tages unter dem Rasen zwischen der "Perlenkette" und der Strandpromenade gebaut werden soll.

1996 hatte die Fundus-Gruppe des Immobilienunternehmers Anno August Jagdfeld von der Treuhandanstalt das gesamte historische Ensemble in Heiligendamm für knapp 20 Millionen D-Mark gekauft, dessen Bau auf den Mecklenburger Herzog Friedrich Franz. I. zurückgeht. Seitdem wurden angeblich über 200 Millionen Euro investiert. Rund ein Viertel davon waren öffentliche Fördergelder.

Nachdem 2003 das Grand Hotel seine Türen öffnete, kam es einerseits immer wieder zu Konflikten zwischen den Ruhe suchenden, gutbetuchten und viel zahlenden Hotelgästen sowie Anwohnern und Heiligendamm-Besuchern, die sich aus dem "Luxus-Areal" ausgesperrt fühlen. Die einst sieben Logierhäuser stehen seit Jahren leer, der Putz bröckelt und statt leuchtendem Weiß ziert fleckiges, helles Gelb die Fassaden. Im Jahr 2007 wurde kurz vor dem G8-Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen in Heiligendamm die angeblich baufällige Villa "Perle" abgerissen. An ihrer Stelle wurde eine provisorische Pressetribüne errichtet. Die Empörung der ECH-Kritiker und zahlreicher Denkmal-Freunde war groß, zumal das Landesdenkmalamt auch für die Villen "Möwe" und "Schwan" den Abriss erlaubt hat. Sie sind mit Schwamm und Pilzen befallen, so die ECH.

Denkmalschützer protestieren

"So bald wie möglich" würden Abriss und Neubau beziehungsweise die Sanierung der einzelnen Villen in Angriff genommen, sagt ECH-Sprecherin Brasche-Salinger. Konkreter will sie nicht werden. Vertragliche Terminpflichten gibt es nicht. Die Termine hängen der Sprecherin zufolge davon ab, ob sich Käufer für die Villen als Ganzes oder für einzelne Eigentumswohnungen finden. Sie verweist zudem darauf, dass die ECH bis vor kurzem laut Bebauungsplan alle Villen als Teil des Hotels hätte nutzen müssen, was der Firma angesichts der jahrelang mäßigen Auslastung des Grand Hotels nicht sonderlich rentabel erschien. Inzwischen haben Bad Doberans Stadtvertreter den Bebauungsplan geändert. Für das Villen-Gebiet ist nun eine Mischnutzung vorgesehen.

Brasche-Salinger sichert zu, die ECH wolle das Seebad Heiligendamm "im historischen Kleid" herausputzen, schließlich mache dieses Image die Anziehungskraft des Ortes aus. Darum würde die Sanierung der Perlenkette "an den Ursprüngen orientiert". Mit Denkmalschutz im engeren Sinne hat die Sanierung für die Kritiker allerdings wenig zu tun. Zu den prominentesten unter ihnen zählen der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow, und der frühere Landeskonservator Dieter Zander. Schon bei der Sanierung des Grand Hotels sei viel an denkmalwürdiger Substanz verloren gegangen, so Zander. Da hätte der Staat zumindest bei der Perlenkette auf ein Mehr an Denkmalschutz Wert legen müssen.

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