Eine „Impfung“ gegen Krebs

„Die Krebs-Chirurgie ist technisch perfekt entwickelt“, sagt Prof. Dr. Ernst Klar von der Uniklinik Rostock. Im Kampf gegen den Krebs geht es jetzt darum, über die Operation hinaus spezifischere Medikamente als die bisherige Chemotherapie herzustellen. Dafür müssen die Tumorzellen aber möglichst genau bekannt sein. Hier hilft den Rostockern eine Gewebebank.

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07. März 2008, 09:02 Uhr

Rostock - Wenn einem Patienten gerade ein Darmkrebs in der Allgemeinen Chirurgie der Uniklinik entfernt wurde, beginnt die Arbeit für Dr. Michael Linnebacher und sein Team. Binnen einer halben Stunde wird idealerweise ein Teil des Gewebes eingefroren, ein Teil auf einen Nährboden gegeben und wieder ein anderer in spezielle Mäuse injiziert. Die zerstörerischen Zellen müssen vermehrt werden, damit sie dann genau untersucht werden können. Dies bildet die Grundlage für eine zukünftige „Individualisierte Tumortherapie“.

Prof. Dr. Ernst Klar erklärt, warum sie so wichtig ist: „Wenn operiert wird, hat der Krebs oft schon gestreut, aus dem Dickdarm zunächst in die Leber und dann in die Lunge, die natürlichen Filtersysteme." Dann folgt oft eine Chemotherapie. Diese sei aber giftig für alle Körperzellen und arbeite leider nicht spezifisch genug gegen den Tumor.

Verbleiben nach einer OP im Körper noch Krebs-Zellnester, sollen diese deshalb bald über einen anderen Weg bekämpft werden. Das jedenfalls ist das Ziel: Die Arbeitsgruppe „Molekulare Onkologie und Immuntherapie“ will dem Immunsystem der Patienten auf die Sprünge helfen. Die Lymphozyten im Blut des Patienten sollen wieder abwehrstark gemacht werden. „Das ist so ähnlich wie bei einer Grippeschutzimpfung“, sagt Klar.

Eine fast herkömmliche Tiefkühltruhe
Wie diese Impfung aussehen muss, wissen die Forscher aber erst, wenn sie zum einen die Tumorzellen und zum anderen das Blut der Patienten genau untersucht haben. „Wir brauchen von jedem Patienten beides, sonst bringt es uns gar nichts“, sagt Linnebacher. Blut und Tumorzellen lagern also in der Gewebebank in der Schillingallee. Diese sieht aus wie eine herkömmliche Tiefkühltruhe, nur ist es kälter, nämlich minus 80 Grad Celsius. Bei der Langzeitlagerung im flüssigen Stickstoff sogar minus 196 Grad Celsius.

„Bald ist in der Truhe schon kein Platz mehr“, schätzt Linnebacher. Denn innerhalb der letzten Jahre sind die Proben von über 500 Patienten zusammengekommen. „Bei 54 davon sind alle Untersuchungen gemacht.“ Die Arbeit ist zeitaufwendig.

„Bis jetzt hat der einzelne Patient noch nichts davon, dass sein Gewebe untersucht wird“, sagt Klar. Seine Probe soll den Forschern und Ärzten aber dabei helfen, „von der individualisierten Forschung zu einer generellen Therapie zu kommen“. Man bemühe sich, Untergruppen zu finden. „Diese molekulare Typisierung ist schon relativ greifbar“, so Linnebacher. Ist der Krebs noch mehr typisiert, profitieren nachfolgende Patienten davon. Hat nämlich der Krebs eines Patienten ähnliche Zellen und Strukturen wie die eines schon in der Tumorbank erfassten, können ihm die Ärzte eher eine Empfehlung geben. „Bei tief sitzendem Mastdarmkrebs können wir zum Beispiel sagen, ob sich zur Rettung des Schließmuskels vor der OP eine Strahlen-Chemotherapie lohnt“, erklärt Klar.

Nur wenige forschen auf diese Art
Bis zur Immuntherapie selbst – einem Medikament quasi gegen im Körper verstreute Krebszellen – werde es noch dauern. Denn nicht zuletzt kostet die Forschung auch viel Geld. „Bisher haben wir das Projekt über Drittmittel finanziert“, sagt Klar. Bis solche Therapien in die Regelversorgung aufgenommen werden, sei es noch ein weiter Weg. Die Arbeitsgruppe bemüht sich weiterhin um Gelder von Förderinstitutionen, um gegen den Krebs zu forschen, wie es auf diese Art nach Schätzungen Klars in Deutschland auch noch drei bis vier andere Unikliniken machen. Schon etliche Jahre sei versucht worden, über diesen „Immuntherapie-Weg“ zu gehen. Aber erst jetzt könne man, so Klar, durch verbesserte Technik die Rezeptoren der Tumorzellen genauer identifizieren. Die „Andog-Stellen“ quasi, an denen die patienteneigenen Lymphozyten angreifen können.

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