Eine Glocke bewegt die Eldestadt Lübzer begrüßen das neue Geläut der Stadtkirche

Begleitet von der Musik der Jagdhornbläser transportierte der festlich geschmückte Wagen die Glocke vom Bahnhof über die Goldberger Straße bis zur Kirche.  Foto: Christoph Hellwig
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Begleitet von der Musik der Jagdhornbläser transportierte der festlich geschmückte Wagen die Glocke vom Bahnhof über die Goldberger Straße bis zur Kirche. Foto: Christoph Hellwig

Geschichte wiederholt sich: Wie bereits im Jahr 1955 feiern zahlreiche Lübzer die Ankunft einer neuen Kirchglocke mit einem Festumzug und anschließender Andacht. Eine Eldestädterin reist mit ihren Gedanken in die Vergangenheit und holt Verpasstes nach.

svz.de von
19. Oktober 2008, 07:40 Uhr

Lübz - „Meine Erinnerungen sind schwach. Ich weiß nur noch, dass es ein sehr kalter Tag gewesen sein muss“, sagt Grete Kulisch. Die 86 Jahre alte Lübzerin blickt zurück in das Jahr 1955. Damals begrüßten die Eldestädter eine neue Eisenhartgussglocke für das Geläut der Stadtkirche.

Grete Kulisch stand an jenem Tag hinter dem Tresen einer Bäckerei. „Die Leute kamen in den Laden, haben ziemlich gefröstelt, wärmten sich auf und sagten, dass es sehr schön war. Von der Ankunft der Glocke habe ich nicht viel mitbekommen“, sagt die Ur-Lübzerin. 53 Jahre später frischt Grete Kulisch ihre Erinnerungen auf und holt das damals Verpasste nach.

„Das ist eine sehr schöne Sache. Ich hatte einen ganz schönen Kloß im Hals, als ich die Glocke heute gesehen habe“, beschreibt die Lübzerin diesen für sie so emotionalen Moment. „Ich bin sehr eng mit der Kirche verbunden. Ich wurde hier getauft, konfirmiert und getraut“, berichtet sie.

Ankunft verzögert sich nach Panne auf der Autobahn
Eine ganz andere Geschichte weiß Thomas Grube zu berichten. Der Handwerker fuhr in der vergangenen Woche ins nordrhein-westfälische Sprockhövel, um die neue Lübzer Bronzeglocke von der evangelischen Kirchgemeinde Obersprockhövel in Empfang zu nehmen.

Doch aus den acht Stunden, die Thomas Grube für die 513 Kilometer lange Tour eingeplant hatte, wurden ganze 16,5 Stunden. „Wir hatten eine kleine Panne auf der Autobahn. Die Bremsscheibe ist gerissen“, sagt er. Nach dem außerplanmäßigen Stopp in einer Werkstatt erreicht der Transporter aus der Eldestadt mitten in der Nacht sein Ziel.

Nur wenige Stunden Schlaf bleiben dem Handwerker, ehe er die rund 1000 Kilogramm schwere Bronzeglocke verlädt. An der Kirche in Obersprockhövel erwartet Thomas Grube die nächste Überraschung. Als der Lübzer mit seinem Gefährt ankommt, sorgt er unfreiwillig für Gelächter. Die Einheimischen sind sichtlich überrascht, dass ein riesiger Sattelschlepper vorfährt. „Wir müssen doch zeigen, was wir haben“, erklärt Thomas Grube verschmitzt lächelnd. Die Rückfahrt verläuft problemlos.

Auch am Sonnabend schiebt sich der Laster, begleitet von Polizeiwagen und unzähligen Schaulustigen, schnörkellos durch die Eldestadt. Am Bahnhof startet der festliche Umzug, führt über die Goldberger Straße in die Kirchenstraße zum Gotteshaus. An den Straßen halten Einheimische und Urlauber die Momente mit Fotoapparaten und Kameras in Bildern fest.

Auf dem Vorplatz der Kirche und in der Pfarr- und Schulstraße drängen sich Menschen dicht aneinander, um genau zu verfolgen, wie die Glocke an einem Kran einschwebt. Doch ehe sie sich auf ein Podest senkt, verharrt sie in der Luft. Pastor Enrico Koch ist es vorbehalten, die ersten Glockentöne in die Stadt zu entsenden. Um 15.47 Uhr ist es soweit: Mit einem Holzhammer lässt er die Glocke dreimal erklingen.

Ab November schlagen beide Bronzeglocken
In ihrer Andacht dankt Pastorin Uta Banek den zahlreichen Helfern und Spendern für diesen erhebenden Moment. Nach dem feierlichen Akt lassen sich Lübzer von Fotograf Heinz Goy an der Glocke ablichten. Nur wenige Meter daneben findet Uta Banek Zeit für ein kleines Resümee: „Die ganze Aktion ist prima gelaufen. Schön auch, dass so viele gekommen sind.“

Die genaue Zahl der Schaulustigen lässt sich nur erahnen. Schätzungen liegen zwischen 200 und 300 Gästen. Sie alle kamen, um das neue Kirchengeläut zu begrüßen. „Er ist unser Friede“ steht auf der in Heidelberg gegossenen Glocke, die am 8. November erstmals gemeinsam mit der historischen kleinen Glocke von Lübz wieder zu Gottesdiensten, Hochzeiten und Beerdigungen rufen soll.

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