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Gemeinsames Lernen an der Ludwigsluster Edith-Stein-Grundschule : Eine etwas andere Schule

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Es ist nicht nur der reduzierte Frontalunterricht, der die Ludwigsluster Edith-Stein-Schule zu einer besonderen macht. Hier gibt es auch keine Klassen im herkömmlichen Sinne. Stattdessen lernen die Kinder in Lerngruppen.

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erstellt am 04.Mär.2011 | 08:24 Uhr

Ludwigslust | Im Klassenraum der Lerngruppe 1.2.3 ist es mucksmäuschenstill. Die 25 Kinder sitzen an ihrem Wochenaufgaben. Lars blättert in einem Kalender. Elisa schiebt die Kügelchen eines Rechenschiebers von links nach rechts. Rhea rechnet mit den Fingern. Durch die großen Fensterscheiben fällt Sonnenschein. Arnold schaut hinaus auf die Bäume, die der Wind hin und her wiegt. "Hast du nichts zu tun?", fragt Lehrerin Marion Löning. Sie steht hinter seinem Rücken und zieht die Augenbrauen hoch.

Betritt ein Fremder den Raum, schauen die Kinder kurz auf, wenden sich dann aber gleich wieder ihrem Plan zu. Darauf stehen Aufgaben, die sie möglichst selbstständig erarbeiten sollen. Einige Schüler rechnen Matheaufgaben durch, andere lesen Texte. Wenn sie miteinander reden, dann nur im Flüsterton. Wird ein Gespräch doch einmal etwas lauter, dann schaut Lehrerin Marion Löning in Richtung der Unruhequelle und schon kehrt wieder Ruhe ein. Zu sagen, die Schüler würden ihrer Lehrerin aufs Wort gehorchen, wäre beinahe schon eine Untertreibung.

"Stillarbeitsphase" nennt die Lehrerin und Schulleiterin das, womit in der Ludwigsluster Edith-Stein-Schule um 8 Uhr der Unterrichtstag beginnt. Und auf die erste Silbe dieses Wortes legt die 44-Jährige besonders viel Wert. Aber auch Frontalunterricht gibt es phasenweise. "Der Frontalunterricht hat auch seinen Platz, vor allem dann, wenn es an neuen Stoff geht", sagt die vierfache Mutter. Sie trägt Bluejeans, eine lilafarbene Bluse, um den Hals einen Seidenschal mit blauen Blumen. Ihre Haare sind braun und kurz. Hinter den Gläsern ihrer randlosen Brille blitzen braune Augen, mal streng, mal liebevoll.

Lerngruppe statt Klassenverband

Es ist nicht nur der reduzierte Frontalunterricht, der die Schule zu einer besonderen macht. Hier gibt es auch keine Klassen im herkömmlichen Sinne. Stattdessen lernen die Kinder in Lerngruppen. Erst-, Zweit- und Drittklässler lernen ebenso gemeinsam wie Fünft- und Sechstklässler. "Die Individualität steht im Vordergrund", sagt Löning. Soll heißen: Ein Kind, das in der ersten Klasse schon Aufgaben der zweiten Klasse ausrechnen kann, bekommt schwerere Aufgaben. Und andersherum.

Aber nicht nur Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen lernen an der Grundschule gemeinsam. Auch zwei behinderte Kinder sind Teil der Lerngruppe. Eines der beiden Kinder ist Malte. "Sonderpädagogischer Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen", so steht es verklausuliert im Rahmenplan, nach dem er unterrichtet wird. Einfacher formuliert: Der Siebenjährige ist lernbehindert. Sein Intelligenzquotient ist niedriger als der seiner Mitschüler, er hat Probleme, sich zu konzentrieren, ist weniger schnell im logischen Denken. Beliebt ist er unter den Mitschülern trotzdem: Er ist Klassensprecher.

Malte ist langsamer als die anderen Kinder

Malte sitzt auf einem Teppich im Schulzimmer. Er ordnet Zettel, auf denen sich die Zeigerstände eines Ziffernblatts befinden, digitalen Uhrzeiten zu. Manchmal weiß der 10-Jährige nicht weiter. Dann starrt er auf die Zettel, legt die Stirn in Falten. In diesem Momenten spricht Marion Löning ihn an, versucht sein Denken auf eine neue Spur zu bringen, die ihm hilft, die Aufgabe zu lösen. Anschließend löst der Junge im Poloshirt Rechenaufgaben. Schnell ist er fertig. "Wahnsinn, wie fix du das geschafft hast", lobt Löning. Malte strahlt.

Malte braucht für Aufgaben länger als andere Kinder. Aber er lernt trotzdem mit ihnen zusammen. "Davon profitieren beide Seiten", sagt Marion Löning. Malte, weil er nicht in eine Förderschule "ausgelagert" wird. Die Mitschüler, weil sie lernen Rücksicht zu nehmen. "Die Kinder lernen, dass es verschiedene Menschen in unserer Gesellschaft gibt", ist die Schulleiterin überzeugt. Das entspreche auch dem christlichen Menschenbild, dem sich die Schule in katholischer Trägerschaft verpflichtet fühlt.

Lena lernt, sich durchzusetzen

Lena sitz auf dem Boden. Vor ihr liegen pinke Plastikbuchstaben. Sie spitzt ihre Lippen, formt Laute und macht: "Sch-sch-sch". Lena hat das nach dem englischen Neurologen John Langdon-Down benannte Down-Syndrom. Doch auch sie besucht keine Sonder-, sondern die Regelschule. Ihre Mutter ist darüber sehr froh. "Besonders wichtig ist mir, dass Lena lernt, mit Nicht-Behinderten umzugehen und sich zu behaupten", sagt ihre Mutter Birgitt Flögel. Das sei auf einer Geistigbehindertenschule nicht so gut möglich.

Unter den 100 Schülern sind auch vier mit pädagogischem Förderbedarf. Hinter dem Fachterminus können sich Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche ebenso verbergen wie Kinder, die ihre Emotionen nicht im Griff haben. Schulleiterin Marion Löning schätzt, dass es seit den 90er-Jahren immer mehr Kinder mit derlei Problemen gibt. "Zum einen haben Eltern weniger Zeit, zum anderen bekommen die Kinder immer weniger Grenzen gesetzt und lernen deshalb schlechter, zurückstecken zu müssen", sagt Löning.

Auch die Zeugnisse der Edith-Stein-Schule sehen anders aus als an den meisten anderen Schulen. Ziffernnoten gibt es nicht, dafür aber bis ins Detail aufgeschlüsselte Einschätzungen. Deshalb haben die Zeugnisse elf Seiten. Für das Fach Deutsch beispielsweise gibt es also nicht nur eine einzige Note, sondern die Bereiche "Sprechen- und Zuhören", "Lesen und Umgang mit Texten", "Texte verfassen" und "Rechtschreibung und Grammatik". Auch diese vier Bereiche sind dann wiederum in Unterpunkte aufgeteilt. "Unser Ziel ist es, dem Schüler ganz genau zu zeigen, wo er steht", sagt Löning. Auch die sozialen Kompetenzen sind im Zeugnis zu finden. "Du bist umsichtig und hilfsbereit" oder "Du äußerst deine Meinung offen und achtest die Meinung anderer", heißen hier die Kategorien.

Die Edith-Stein-Schule ist eine Privatschule, die es seit dem Jahr 2007 gibt. Eltern zahlen 50 Euro Schulgeld im Monat. Für Sozialschwache gibt es eine Fördermöglichkeit. "Es soll nicht elitär sein", sagt Löning. Das Gebäude am Hamburger Tor beheimatete früher die Gehörlosenschule. Es verfällt zusehends. Noch in diesem Jahr soll die Schule in ein moderneres Gebäude umziehen. Am Konzept jedoch soll der Umzug nichts ändern. Das wird sich auch in den neuen Räumen am Prinzip der Pädagogin Maria Montessori orientieren: "Hilf mir, es selbst zu tun."

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