Ein Sänger räumt auf

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Im kleinen Ganzow bei Gadebusch liegt ein Juwel – eine unentdeckte, ein unberührte Perle. Das Gutshaus des Ortes stand lange leer, war dem Verfall preisgegeben. Doch dann kam Jan Träbing. Er sah das Haus an einem dunklen Wintertag, legte mehrere Wochen das von Schutt und Müll vollgestopfte Innere frei und hatte von da an einen Plan.

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28. Juli 2009, 11:38 Uhr

Ganzow - Eine schmale und trotzige Kastanienallee führt nach Ganzow. Wenn hier Gegenverkehr kommt, müssen Autofahrer ausweichen und an den Straßenrand fahren. Die Asphaltpiste ist uneben, hat viele Schlaglöcher. Auch Jan Träbing ist mit seinem alten, in die Jahre gekommen blauen Seat über diese Straße gefahren – im Winter letzten Jahres. Vorbei an verschneiten Feldern ging seine Fahrt in das kleine Ganzow. Im Internet hat er Bilder von einem verträumten Platz inmitten der Gemeinde gesehen, einem Platz, der langsam verfällt. In Ganzows Dorfmitte steht ein Gutshaus. „Viele sagen dazu gleich Schloss – das finde ich lustig“, sagt Jan Träbing.
Toilettenhäuschen in der Küche

Das Gutshaus, vor dem der Ratzeburger da steht, ist eine Ruine. Kein Fenster ist mehr unbeschädigt, kein Fensterladen hängt noch richtig in seiner Verankerung. Vor dem Haus stehen nur noch Baumstümpfe, die einst prächtigen Linden wurden abgesägt. Der Garten hinter dem Haus gleicht einem Dschungel.


Einst war es die Landwirtschaft, die den Menschen hier Reichtum, Arbeit bescherte. Es war die Landwirtschaft, die dem Gut zu einer kleinen Blüte verhalf. Heute gibt die Landwirtschaft nur noch wenigen Arbeit, das prächtige Haus verfiel von Jahr zu Jahr. Bis zur Wende befand sich hier sogar noch ein Konsum. Jan Träbing geht durch die Flure, durch die Zimmer. Nur durch wenige konnte man einfach so gehen, denn es lag überall Müll. „Das ganz Haus war vollgestopft“, erinnert er sich. Da war alles, was man sich nur vollstellen kann. Das prächtige Haus war eine Müllkippe. Doch der Ratzeburger ist nicht einfach raus gegangen. Er blieb. Müll schreckte ihn nicht, er wollte sehen, was sich dahinter verbarg. Zwei Monate wühlte er hier, denn stand für ihn fest: „Das kann man nicht verfallen lassen.“ Er kaufte das Anwesen – und erfüllte sich einen Traum.

Heute sitzt er mit seinem gestreiften Hemd und seiner Jeans an einem Tisch im Obergeschoss. Licht strahlt in den Raum. „Licht“, betont er. Einst war hier alles zappenduster. Ein prächtiger Schrank steht auf dem hellen Holzfußboden, im Hintergrund läuft Musik. Er sieht zufrieden aus. Hin und wieder bröselt ein Stück Decke ab, aber das sei nicht so schlimm. „Das gehört zu so einem Haus dazu“, sagt Jan Träbing – mehr als ein Jahr nach seinem ersten Besuch in Ganzow. Mittlerweile hat sich viel getan. Wer wüsste es besser als er, er der ausgebildete Sänger, er, der von vielen für verrückt gehalten wird. Freunde sind gekommen, mit ihnen spricht Träbing über das Haus, über Leinöl und Restaurierungstechniken. Sie nennen ihn den „Oberverrückten“, haben selbst vor einiger Zeit ein vergleichbares Unternehmen gestartet. Er grinst dabei nur. „Dieses Haus ist eine Lebensaufgabe.“ Hinter alten Wandfarben und Tapete kommen grazile Zeichungen zum Vorschein. Unter Staub erstrahlt ein intakter Holzfußboden. Und als er in einem Seitenflügel eine Zwischendecke entfernte, zeigte sich ein Saal, wie er ihn so noch nie gesehen hatte. Oben befanden sich zwei Musikerbalkone, in der Mitte ein Kamin an den Wänden kleinen Statuen. Für ihn, den Sänger müssten das doch ideale Bedingungen sein, doch nur ein einziges Mal hätte er hier bisher gesungen – jetzt genießt er erstmal die Stille, bevor wieder Hammerschläge durch das Haus dringen. An jede Stelle kann er sich hier erinnern, als er durch sein Haus geht. An die alte Küche, in der bis vor kurzem kleine Toilettenhäuschen standen, an den Garten, den er von Sträuchern und Müll befreite. „Jetzt kann man hier wieder barfuß gehen“, sagt er stolz. Dass das alles trotz der widrigen Bedingungen noch so gut erhalten ist, sei ein kleines Wunder. Zusammen mit den Denkmalbehörden will er diesen verträumten Ort wieder erstrahlen lassen. Er weiß sogar, wie jedes einzelne Zimmer damals eingerichtet war. Denn es gibt noch Inventarlisten, auf denen jedes Detail zu finden ist und er hat Fotos, viele Fotos. „Eine Akademie für Musiker und Musikinteressierte – das ist mein Traum“, sagt er. Doch das wäre noch ein langer, holpriger Weg. Ganz so, wie der nach Ganzow.
Internet: www.gutshaus-ganzow.de


Hintergrund

Gutshäuser im Kreis NWM
Im ganzen Bundesland existieren rund 2200 Gutsanlagen, Schlösser und Burgen. Davon stehen 1080 unter Denkmalschutz. Im Landkreis Nordwestmecklenburg gab es noch zu den 30er Jahren 152 Schlösser, Guts- oder Pächterhäuser, heute sind noch 145 von ihnen erhalten.

Badow
15 Kilometer südlich von Gadebusch liegt das ehemalige Gutsdorf Badow. Es überrascht durch Wirtschaftsgebäude im einheitlichen Stil, dem Schloss und einem Park. Nach 1945 war das Gutshaus Wohnhaus, dann Konsum und Gaststätte. Von 1990 bis 1993 wurde das Haus saniert – hier sollte ein Ponyhof entstehen, die Anlage steht seit 2003 leer.

Bernstorf
Zwischen Grevesmühlen und Rehna liegt das Schloss Bernstorf. Seit 1279 war dort der Stammsitz der Bernstorffs, 1769 wurde ein Herrenhaus errichtet. 1879 wurde das Haus durch ein Gebäude im Neorenaissancestil ersetzt. 1945 wird das Gebäude als Flüchtlingswohnhaus genutzt, dann fand hier die Gemeindeverwaltung Platz. Nach der Wende ist der Verfall dramatisch, das Schloss steht leer.

Cramon
Zehn Kilometer Luftlinie von Gadebusch entfernt befindet sich das Gutshaus Cramon. Der Hamburger Kaufmann Böhl erwarb das Gut 1798. Er lies er hier ein klassizistisches Landhaus errichten, Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Anbauten angefügt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es ein Kinderheim.

Gottesgabe

Das Dorf liegt in zehn Kilometer Luftlinie südöstlich von Gadebusch. Bis ins 17.Jahrhundert hieß der Ort Davermoor. An der Stelle, an der heute das Heerenhaus steht, war einst eine Wasserburg. Im Keller befinden sich noch heute Fundamente und Mauerteile aus dem 16. Jahrhundert.
LützowEinst ein Fachwerkbau, entstand in Lützow ein Herrenhaus im Stil des Historizismus mit neogotischen Merkmalen. Innen prächtig ausgestattet, wurde es Anfang der 30er an eine Siedlergemeinschaft verkauft. Zeitweise wurde hier ein Gaststätte betrieben, 2003 wurde mit der Sanierung begonnen – 2005 wurde sie abgeschlossen.
Quelle: „Einblicke“ / Landkreis

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