Pfarrer und Kriegsdienstverweigerer begleitet Soldaten in Westmecklenburg : Ein Pazifist beim Militär

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Kriegsdienstverweigerer, Schwarzenegger-Fan und Militärpfarrer – mit Michael Reis hat sich die Bundeswehr keinen stromlinienförmigen Theologen in die Schweriner Werderkaserne geholt.

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18. November 2010, 10:53 Uhr

Seit fast einem Jahr betreut Reis 2100 Soldaten an den Standorten in Schwerin, Hagenow (Kreis Ludwigslust) und Elmenhorst (Nordwestmecklenburg).

Die Soldaten begegnen ihm mit viel Offenheit. „Die billigen, dass ich diese Vergangenheit habe“, sagt der aus Kühlungsborn stammende Militärpfarrer unter Anspielung auf seine Kriegsdienstverweigerung in der DDR. Der sportliche 43-Jährige mit kahlrasiertem Schädel, der als Junge Fallschirmspringer werden wollte, fühlt sich in der Kaserne wohl.

„Ich habe genau den Job, den ich liebe“

Wenn er einen Gottesdienst im Gelände feiert, zu dem die Besucher mit Gewehr erscheinen, spürt er aber die Spannung, die zwischen dem Auftrag der Kirche und dem der Bundeswehr existiert. Doch die Arbeit gefällt ihm, „weil man viel mit Verkündigung, viel mit ,Heiden’ zu tun hat“.

Ursprünglich wollte der aus einer Eisenbahnerfamilie stammende Reis nicht Pfarrer, sondern Lokführer bei der Mecklenburgischen Bäderbahn „Molli“ werden. Doch dann verweigerte er den Dienst bei der DDR-Volksarmee, obwohl ihm zwei Jahre Gefängnis angedroht wurden. Als Heizer durfte er noch auf der „Molli“ arbeiten. Nach 1989 studierte er Theologie und wurde Gemeindepfarrer, Gefängnisseelsorger und Anfang des Jahres Militärpfarrer. „Ich habe genau den Job, den ich liebe“, sagt er.
Den wohl schwersten Gang für einen Militärpfarrer, das Überbringen einer Todesnachricht an Angehörige von Gefallenen, blieb Reis bislang erspart. Allerdings hatte er es schon mit einem in Afghanistan schwerverletzten Soldaten aus Schwerin zu tun.

Manchem der jungen Rekruten sei gar nicht bewusst, was ihn erwarte, wenn er sich für einen Auslandseinsatz melde, sagt Reis. Er spricht im lebenskundlichen Unterricht und in Rüstzeiten über ethische Fragen, den Tod und den Inhalt des Gelöbnisses. Wenn ein Soldat Zweifel an seinem Auftrag äußere, „dann höre ich erstmal genau zu“. Angst vor einem Auslandseinsatz sei ganz normal. Reis fügt aber hinzu: „Wenn er sagt, ,ich würde nie auf einen Menschen schießen’, dann wäre er in Afghanistan fehl am Platze.“ Sollte sich ein Soldat entscheiden, den Kriegsdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, kann er sich auf die Begleitung und Unterstützung des Militärpfarrers verlassen. „Wenn die Bundeswehr uns ins Boot holt, dann muss sie damit rechnen, dass wir Pazifisten sind.“

Sein Ziel ist die Mission

Die Beurteilung der Auslandseinsätze der Bundeswehr fällt dem Pfarrer selbst nicht leicht. Einen „gerechten Krieg“ gebe es für die Kirche nicht, betont er. „Wir sprechen vom gerechten Frieden.“ Der Weg der Kirche sei immer der der Verhandlung und Versöhnung. Er weiß aber: „Die Realität ist, dass Menschen leider Gewalt ausüben, und man kann dann nicht sagen: ,Du da, hör mal auf damit!’“ Vor der Arbeit eines Spezialkommandos, das Geiseln befreie, habe er Respekt. Doch Reis bleibt dabei: „Diese Welt kann nur durch Liebe verändert werden, nicht durch Gewalt.“ Er nehme sich darum die Freiheit heraus, auch für „Feinde“ zu beten.
Reis hält nicht nur Gottesdienste und Andachten in der Kaserne. Er spielt auch Volleyball mit den Soldaten, veranstaltet Motorradtouren und guckt gern Actionfilme mit Schwarzenegger. Doch als Pfarrer legt er Wert darauf, die „geistliche Fahne in dieser Welt hochzuhalten“. „Ich bin nicht nur Kamerad, ich habe auch ein Ziel: Das ist die Mission.“ Seiner eigenen Kirche wirft er vor, diesen Punkt zu vernachlässigen. Ohne die Mission höre die Kirche auf, Kirche zu sein, warnt er.
Bernhard Sprengel, dpa

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