Ein paar Gramm Leben

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29. Mai 2008, 09:09 Uhr

Rostock - Manchmal liegen nur ein paar Sekunden zwischen Leben und Tod eines Neugeborenen. Das erleben etliche Mütter. Bei Nancy Tews war es nach 32 Wochen soweit: „Ich hatte einen ganz normalen Frauenarzttermin“, erzählt die 22-Jährige. Als die Ärztin den schlechten Befund sieht, schlägt sie Alarm. „Das Kind muss so schnell wie möglich auf die Welt.“ Sie wird ins Rostocker Klinikum geflogen, wo Sohn Jannis lebend geboren wird. Heute, zwei Wochen später, entwickelt er sich prächtig. Aber da Babys, wie Jannis, meist noch unreife Organe haben, sind sie möglicherweise ihr Leben lang beeinträchtigt.

Diesen Kindern und den Eltern in allen Lebenslagen zu helfen, das ist das Anliegen des „KänguRuh-Vereins“. Der Name ist aus der Methode abgeleitet, bei dem das Neugeborene auf die Brust der Mutter oder des Vaters gelegt wird. Die Vereinsvorsitzende Silke Mittelstädt bringt ihre eigenen Erfahrungen mit.

Sie hat einen 24-Stunden Job, ohne dafür bezahlt zu werden. Denn ihre siebenjährige Tochter Vanessa ist mehrfach chronisch krank und muss rund um die Uhr betreut werden. Acht Therapien lässt das Mädchen jede Woche über sich ergehen. „Ohne ihren starken Willen und ohne die Ärzte hätte sie es nicht geschafft“, sagt die 40-Jährige.

Ein Rückblick: Im April 2001 setzten bei ihr die Wehen ein. Fast vier Monate zu früh. „Vanessa wog nur 690 Gramm und war nur 30 Zentimeter groß“, sagt sie. Fast fünf Monate bangte sie um das Leben der Frührisikogeborenen. „Es war ein ständiges Auf und Ab“.

Als ihre Tochter zwei Jahre alt war, sprach Professor Dirk Olbertz, Chefarzt der Abteilung Neugeborenenintensivmedizin an der Südstadtklinik, sie auf die Gründung einer Anlaufstelle für Eltern mit Frühgeburten an. Die gelernte Verkäuferin sagte zu.

„Mit 25 Betroffenen gründete ich den Verein, seitdem haben wir jährlich zehn neue Mitglieder“, erzählt die dreifache Mutter. Der Verein arbeitet mit Ärzten, Therapeuten und medizinischen Institutionen zusammen, um die Betreuung der benachteiligten Kinder zu verbessern. Die Nachfrage ist groß: „In unserem Klinikum liegt die Frühgeborenenrate bei zwölf Prozent“, sagt Chefarzt Olbertz. Doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.

Drohende Frühgeburten werden nach Rostock geholt
Rostock beherbergt das Zentrum für Frühgeborenenintensivmedizin in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Das bedeutet, „dass wir alle werdenden Mütter mit drohender Frühgeburt aus Mecklenburg-Vorpommern hier in das Klinikum holen und betreuen“, sagt der Facharzt. Oft ist es knapp. Erst ab der 23. Schwangerschaftswoche ist das Baby überlebensfähig.

Nun jährt sich das Bestehen des Vereins zum fünften Mal. In einem Festsymposium im Hörsaal der Südstadtklinik wird es am 7. Juni von 9 bis 18 Uhr Vorträge rund um die Betreuung von Risikogeborenen geben.

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