Ein leidenschaftlicher Zuhörer: SPD-Oberbürgermeister-Kandidat Dr. Gottfried Timm sucht im Wahlkampf gern das Gespräch

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19. September 2008, 08:46 Uhr

Stress? Nein, zurzeit nicht. Die Zielgerade vor dem Wahlgang am 28. September nimmt Gottfried Timm sportlich souverän. Trotz eines Terminkalenders, der zum Bersten voll ist und eines Handys, das in regelmäßigen Abständen auf sich aufmerksam macht, wirkt der SPD-Kandidat entspannt.

Vor einer Woche sei das noch ganz anders gewesen, erzählt er am frühen Morgen auf dem Hof der Niklot-Schule. „Vor allem die vielen Podiumsdiskussionen mit allen sieben Kandidaten fand ich anstrengend“, erzählt er. „Es gab oft dieselben Fragen. Und wenig Zeit zum Antworten.“

Der Sozialdemokrat ist hier, um den Tag gegen Gewalt zu eröffnen. Ebenso wie seine Mitbewerberin in der Finalrunde, Angelika Gramkow. Vor dem Auftritt ist noch Zeit, Kontakt aufzunehmen mit Lehrerinnen sowie Gramkow und ihr Team zu begrüßen. „Ich schätze Frau Gramkow sehr“, sagt Timm. „In der gemeinsamen Koalition in der Landesregierung haben wir vieles bewegt. Ich kämpfe nicht gegen Frau Gramkow, ich kämpfe um den OB-Posten.“

Die zwei Polit-Profis überbieten sich an diesem Morgen in der Kürze ihrer Reden. „Tritt frisch auf, mach’s Maul auf, hör bald auf“, zitiert Wahlkampfassistent Thomas Zischke den Reformator Luther. Seine Nachbarin Marleen Janew von der Linken lacht. Ein gemütlicher Tagesbeginn.

Gottfried Timm kommt von der Bühne, ein schneller Blick auf die Uhr. „Machen wir noch einen Rundgang? Wir sind auch zum Kaffee eingeladen. Um 9 müssen wir im KGW sein.“ Wird schon schiefgehen. Kerstin Waedow führt durch die ehemalige Hauptmann-Schule. Kennen Sie die noch im alten Zustand? „Ja. Als Innenminister habe ich das Geld für den Umbau vorbeigebracht“, erzählt Timm.

Auf dem flotten Weg durch die Flure fragt er nach Sorgen und Freuden der Lehrer. Der angedrohte Rückzug des Telekom-Callcenters habe zur Auflösung der neuen Dialog-Marketing-Klasse geführt, erzählt sie Timm. Wie es mit diesem Fach nun weitergehe, wisse keiner so recht. Dass auf Dauer auch qualifiziertes Lehrerpersonal fehlt, erfährt Timm später bei der Runde im Zimmer der Schulleiterin.

Und dass die Schule bestens bereit für eine selbstbestimmte Zukunft ist. Zum Geplauder gibt es Kaffee und von den Schülern gebackenen Kuchen. Timm lehnt sich zurück, die verschränkten Arme weichen von der Brust und liegen jetzt locker auf den Armlehnen. Er stellt Fragen – fast wie ein Journalist.

Und er hört zu. Gerne, ausdauernd. „Gespräche mit Menschen, bei denen ich mir Zeit nehmen darf, das mache ich am liebsten“, verrät er später, als es im Volvo zum nächsten Termin geht. Ins KGW.
„Das habe ich bei der Nacht der Wirtschaft besucht und mich jetzt noch mal eingeladen“, sagt Timm.

Schwerin kenne er zwar schon seit 50 Jahren, aber jetzt habe er es quasi von innen noch einmal neu entdeckt. Kindergärten, Pflegeheime, Unternehmen, Schulen. Einen lieb gemeinten Kaffee gibt es eigentlich jedes Mal. Macht theoretisch mindestens eine Tasse pro Stunde. Zu viel für Herz und Magen, selbst eines erfahrenen Partei-Kämpfers.

Auch im Chefzimmer im ersten Stock des KGW wartet ein köstlich gedeckter Tisch. Timm und Zischke greifen jetzt zu Mineralwasser. Nach zehn Minuten kommt Auftragsmanager Bernd Kipke. „Das Gesicht kenne ich gut“, sagt er lächelnd beim Händeschütteln. Von den Plakaten.

Auf wie vielen Werbeflächen im Stadtgebiet sein Konterfei mittlerweile prangt, das weiß Timm gar nicht so genau. „Auf jeden Fall haben wir 20 von den ganz großen. Oder vielleicht doch 30?“ Für solcherlei Fakten sind andere zuständig, zum Beispiel SPD-Stadtgeschäftsführer Thomas Zischke, den Timm für seine Wahlkampfarbeit angestellt hat, und Linda Bode, die ihren Landtags-Chef auf dieser Wegstrecke ehrenamtlich begleitet.

Während der Kandidat die heimische Wirtschaft erkundet, ist sie schon mit 100 langstieligen Rosen unterwegs zu Tagesordnungsplatz 3, dem Ärztehaus in Lankow.

Im KGW lässt sich Timm berichten von vollen Auftragsbüchern in der Windenergiebranche, dem Werk 2 in der Werkstraße, von aktuell 195 Mitarbeitern, die in zwei Jahren wahrscheinlich auf 250 aufgestockt sind. Einig ist man sich schnell, dass Schwerin mehr Unternehmensansiedlungen braucht. „Wir müssen uns besser in der Metropolregion Hamburg präsentieren“, sagt Timm.

Eine neue Form der Wirtschaftsförderung schwebt ihm vor, das Rostocker Vorbild einer von der Stadtverwaltung ausgegliederten Gesellschaft gefällt ihm. „Hamburg dehnt sich aus nach Rostock, Wismar, Ludwigslust – warum nicht nach Schwerin?“, fragen sich Kipke und Timm.

Dann drängt die Zeit. Timm nimmt noch einige Sorgen mit auf den Weg – die Zwangsabnahme von Wärme ärgert ebenso wie lange Bearbeitungszeiten für Fahrgenehmigungen – dann geht es wieder auf die Straße.

Lankow. Dort warten Linda Bode, eine NDR-Reporterin und Thomas Zischke, der noch einen Spontan-Termin mitbringt: 11 Uhr Wendeschleife Jägerweg, Kinderschutzbund-Geburtstag.
Auf der Fahrt spricht der 52-Jährige davon, was für ihn das Amt Oberbürgermeister bedeutet: fürsorglich und vorausschauend für die Bürger sorgen.

„Ein Bürgermeister muss wissen, was die Menschen wollen, er muss mit Bürgerinitiativen sprechen und die Probleme in einem ganz frühen Stadium ansprechen.“ Möglichst viele Rathaus-Gespräche schweben ihm vor und ein regelmäßiges Bürgerforum. Timm sieht sich mehr als „Meister der Bürger“ denn als Verwaltungschef. Ist das nicht genau das, was auch ein Pastor tut? „Ja, darüber denke ich auch manchmal nach“, sinniert Timm nickend.

Der Glaube ist ihm wichtig, jeder Tag beginnt für ihn damit. Meistens gegen 6.30 Uhr. „Nach dem Frühstück habe ich dann meine kreativste Phase“, sagt er und fragt sich, ob das in einem Job als OB wohl so bleiben kann. Zukunftsmusik.

Zurück ins Hier und Jetzt. Ran an den Bürger. Rosen verteilt Timm gern. „Da kommt man mit den Leuten ganz freundlich ins Gespräch.“ Immer wieder das Gespräch.

Tatsächlich sind die Lankower hoch erfreut über die rote Gabe. Männer wie Frauen. Manche stehen sogar ein wenig ehrfürchtig vor dem großen Mann. „Dass ich Sie jetzt einmal persönlich kennen lerne“ Die meisten versprechen, Timm zu wählen, andere wieder lehnen explizit die Rose ab. „Die Menschen hier sind ehrlich. Das mag ich“, sagt Timm später.

„Womit habe ich denn das verdient“, fragt ein Herr, der die Sonne vor der Bäckerei genießt, als der SPD-Kandidat ihm eine Rose überreicht. „Gar nicht“, flachst der. „Es ist nur eine Erinnerung an den Wahltag am 28. September.“ Und dann verteilt er in 20 Minuten mächtig gut gelaunt 100 rote Rosen. So schnell, dass er fast pünktlich zur Wendeschleife kommt. Hände schütteln, dann geht’s ins Büro. „Wir müssen dringend Termine fürs Wochenende koordinieren.“

Der Tag endet für Timm meist kurz vor Mitternacht. Dann sackt er müde ins Bett. Übrigens ohne Buch. „Wenn ich lese, lese ich. Und im Bett schlafe ich.“ Klare Ansage. Bestechende Logik. Seinen nächsten freien Tag hat Gottfried Timm am 28. September: „Vor der Wahlparty.“

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