Ein Kapitän im Gästemeer

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11. September 2008, 08:57 Uhr

Schwerin - Einmal mit der Gorch Fock über die Weltmeere: Unter dem Kommando von Thomas Georg Hering sind Kadetten des Schulschiffs zwischen Taifunen auf dem Indischen Ozean gesegelt und haben in Häfen auf fast allen Kontinenten Proviant an Bord genommen. Gestern speiste der Kapitän im Ruhestand mit Chefredakteur Thomas Schunck und Gästen auf dem Sommerfest unserer Zeitung – entspannt, ohne Zwieback und Rum.

Grenzübertritt

Zum 50. Geburtstag hat Hering die alte „Gorch Fock“ in Kiel besucht. „Sie ist genauso schön wie eh’ und je“, sagt er, der von Januar 1993 bis September 1997 das Kommando auf dem Segelschulschiff der Marine geführt hatte. Hering war es, der die Bark 1993 als erster Kapitän nach Fall des Eisernen Vorhangs in Richtung Osten fuhr. Mehrere Tage lag der Segler in der damaligen Neptunwerft in Rostock – gemeinsam mit einem Schiff russischer Seemänner. „Barrieren gab es zwischen uns nicht mehr. Auf See verstehen sich alle“, erzählt der 65-Jährige.

Seefahrten
Ein erfahrener Marinesoldat: Gleich nach dem Abitur tritt er 1965 als Offiziersanwärter in die Marine ein. Sieben Jahre zuvor hat die „Gorch Fock 2“ die Hamburger Werft Blohm & Voss verlassen. Die 90 Meter lange Meeresschönheit sollte den jungen Marinesoldaten mehrere Jahre lang begleiten – er, dessen Karriere gerade erst beginnt.

Nach seiner Beförderung zum Leutnant fährt Hering als Fernmeldeoffizier auf einem Zerstörer, später als Schiffstechnischer- und Wachoffizier auf Schnellbooten und als Ausbildungsoffizier auf dem Schulschiff „Deutschland“ zur See. Es folgt seine Kommandantenzeit auf einem Schnellboot der Marine, bevor er als U-Bootjagdoffizier auf Zerstörer wechselt.

Kommandowechsel
1987 quert die „Gorch Fock“ zum zweiten Mal Herings Laufbahn. Nachdem er vor Jahrzehnten einige Monate an Deck des Großseglers ausgebildet wurde, übernimmt er nun das Ausbildungskommando als erster Offizier. Zwei Jahre lang kreuzt Hering mit dem knapp 90 Meter langen Schiff in europäischen Gewässern. Alle drei Monate bekommt er 200 Offiziers- und Unteroffiziersanwärter an Bord.

1989 tauscht er die Schiffsplanken noch einmal gegen einen Schreibtisch in der Operationsabteilung des Führungsstabs der Marine im Bundesverteidigungsministerium ein. Bevor Hering 1993 als Kapitän die Planken der „Gorch Fock“ betritt. Fünf Jahre lang sind sie nun unzertrennlich. So lange führt er das Kommando über knapp 70 Mann Stammbesetzung.

Flaschenpost
Unter seiner Führung segelt der Dreimaster 1996 mehr als 30 000 Seemeilen über die Weltmeere – am Stück, ohne in den Heimathafen einzulaufen. „Eine Herausforderung für Schiff und Besatzung“, sagt Hering. Seine Frau sei unglaublich verständnisvoll. In dem Jahr bekommt sie ihn selten zu Gesicht, Kontakt gibts nur per Telefon oder Post. „Ab und an reiste sie uns in einige Häfen hinterher. An Bord mitfahren durfte sie nie“, erzählt er. Auch für seine Jungs an Bord ist es eine anstrengende Zeit. Er habe sich öfter in der Vaterrolle wiedergefunden.

Die Abgeschiedenheit sei wichtig für die Ausbildung. „Offiziere müssen lernen, allein klar zu kommen“, erklärt der Kapitän. Als Kommandant eines Schiffes sei er für alles verantwortlich. Die Mannschaft folge seinen Anweisungen. Fehler dürfe er nicht machen. Unglücke, wie das der jungen Soldatin, die über Bord gegangen war, seien unter seinem Kommando nicht passiert. „Gott sei Dank“, sagt Hering. Er wisse nicht, wie er damit umgegangen wäre.

Von Bord
1997 verlässt er Schiff und Mannschaft. Vier Jahre bleibt er der Marine noch treu, bis er seinen Ruhestand antritt. Er trauere seiner Zeit zur See nicht hinterher. „Schöne Erinnerungen“, sagt er. Jetzt sei seine Familie dran. Heute ist er fünffacher Opa: Vier Mädchen und ein Junge gehören inzwischen noch zum Hering-Clan. „Der Jüngste ist drei“, sagt er stolz – froh, an Land seinen Ruhestand zu genießen. Stolz, aber gänzlich ohne Arroganz erzählt er von seinen Seefahrten, von Taifunen auf dem Indischen Ozean und vom Fernweh.

Das hat ihn mittlerweile verlassen. Einmal im Jahr segle er mit Freunden noch auf der Ostsee. Das reiche ihm, sagt Hering. Entspannt hat er gestern die Schweriner Luft eingesogen. Aber heute muss er wieder zurück zu Familie und Freunden – sein Lebensmittelpunkt, den er Jahre lang vernachlässigt hat. Er reise nur noch mit seiner Frau um die Welt: „Wir müssen einfach eine Menge nachholen.“

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