Hyacinthe Ondoa ein echter Literatur-Spezialist : Ein Kameruner liest DDR-Klassiker

Der promovierte Germanist Hyacinthe Ondoa gilt als Spezialist für DDR-Literatur.dpa
Der promovierte Germanist Hyacinthe Ondoa gilt als Spezialist für DDR-Literatur.dpa

Es begann mit zwei verschiedenen Schuhen. Die trug Günter de Bruyns Held im Roman "Preisverleihung", um seiner Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen. Hyacinthe Ondoa war Anfang 20 und studierte Germanistik.

von
27. Mai 2011, 11:58 Uhr

Es begann alles mit zwei verschiedenen Schuhen. Die trug Günter de Bruyns Held im Roman "Preisverleihung", um seiner Zerrissenheit Ausdruck zu verleihen. Hyacinthe Ondoa war Anfang 20 und studierte Germanistik in Kameruns Hauptstadt Jaunde. Aus einem Uni-Vortrag über dieses Buch wurde eine Magisterarbeit zur DDR-Literatur - und Ondoas persönliches Steckenpferd. Bereits zum zweiten Mal ist er jetzt in Leipzig, um die DDR-Autoren besser zu erforschen. Was einen Kameruner am Ostteil des einst geteilten Deutschlands interessiert? "Im Selbstbild der Gesellschaft gibt es Parallelen zu den kolonialisierten afrikanischen Staaten", sagt er.

Anfang April hat der 39 Jahre alte Doktor der Germanistik sein Büro unter dem Dach des Instituts für Global and European Studies der Universität Leipzig bezogen. Für ein Jahr wird er in der Stadt bleiben, in der er schon zwischen 2001 und 2005 an seiner Doktorarbeit schrieb. Diesmal geht es nicht nur um DDR-Autoren.

Fließend Deutsch mit ausgeprägtem Akzent

"Ich möchte untersuchen, welche Texte in Deutschland nach 1945 in die Schulbücher gelangten und warum. Wie etwa Goethe aktualisiert wurde", erklärt Ondoa in fließendem Deutsch mit ausgeprägtem Akzent.

Wie unterscheidet sich der Literaturkanon in beiden deutschen Staaten? Kämpfe um die wichtigsten Bücher einer Kultur seien auch Kämpfe um ihr Selbstverständnis, vor allem in Krisen. Die beiden deutschen Staaten nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg seien ein gutes Untersuchungs- und Vergleichsobjekt.

Seit fast 20 Jahren liest und analysiert Hyacinthe Ondoa inzwischen Autoren wie Christa Wolf und Hermann Kant, Günter de Bruyn, Heiner Müller und Ulrich Plenzdorf. Privat greift er am liebsten zu Wolf. Sein Lieblingsbuch von ihr: "Medea". "Christa Wolf wurde mit ihren Texten zur Identitätsfigur einer gesamten Gesellschaft. Sie kritisierte die DDR stets im Namen des Idealbilds einer richtigen, bei ihr sozialistischen Gesellschaft." Die Selbstfindung in einem restriktiven Staat, um die Wolfs Texte so oft kreisen, beschreibt Ondoa als seine Faszination an der DDR-Literatur.

Für immer bleiben will er nicht

"Die Texte spiegeln die Lage afrikanischer Gesellschaften während und nach der Kolonisation", sagt der Germanist. "Das Verhältnis eines schwachen Staates zu einem nahen mächtigen. Es ist nicht das gleiche, aber es gibt Parallelen." Die Autoren stellten etwa die gleichen Fragen: Wie soll die neue Gesellschaft sein und wie will ich darin arbeiten?

Sein großes Interesse an der DDR-Literatur brachte Ondoa als einen der wenigen Stipendiaten der Alexander-von-Humboldt-Stiftung aus einem afrikanischen Land nach Deutschland. Nur etwa 3,5 Prozent der weltweit geförderten Forscher kommen laut Stiftung aus Afrika.

Wenn es nach Hyacinthe Ondoa geht, ist es nicht sein letzter Leipzig-Aufenthalt. "Ich fühle mich in der Stadt sehr wohl. Wenn ich länger in Jaunde bin, vermisse ich sie sogar." Doch für immer bleiben will er nicht. Der feste Job an Jaundes Uni gefällt dem gelernten Deutschlehrer, seine Frau und seine vier Kinder fühlten sich in der Heimat sehr wohl. Und Ondoa liebt die Literatur seiner Heimat. Seine Leseempfehlung: Mongo Betis "Der arme Christ von Bomba".

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen