Ein Film von einiger Größe

Der Stummfilm von 1923 war eher eine lockere Interpretation des Romans..
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Der Stummfilm von 1923 war eher eine lockere Interpretation des Romans..

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15. Dezember 2008, 08:21 Uhr

Thomas Mann und das Kino, da kann man eine eindrucksvolle Liste anlegen: zwei Kinofilme nach den Buddenbrooks, dazu zwei Fernsehserien, eine sogar im englischen Fernsehen 1965, die ist aber verschollen; "Felix Krull" natürlich auch, ein Kinofilm, genauso "Königliche Hohheit", "Der Zauberberg" (von Hans W. Geißendörfer, bevor er die Lindenstraße erfand) und, sehr bekannt, "Tod in Venedig" von Luchino Visconti. Nicht zu vergessen "Lotte in Weimar" von Egon Günther oder "Doktor Faustus" von Franz Seitz. Und jetzt wieder die "Buddenbrooks". Jetzt erst.

Heinrich Breloer hat die mehr als 40 Jahre erzählte Zeit des Romans auf 150 Kinominuten reduziert. So kann im besten Falle eine Essenz der rund 750 Seiten des Romanes entstehen. Er solle sein Manuskript doch bitte um die Hälfte kürzen, bat Verleger Samuel Fischer den bisher nur als Novellen-Autor in Erscheinung getretenen Thomas Mann im Jahr 1900. Mann weigerte sich - und nach einigen Anlaufschwierigkeiten verkauften sich bis heute rund sechs Millionen Exemplare der "Buddenbrooks".

Um die Hälfte kürzen? "Es ist immer schade, etwas wegzulassen", sagt Regisseur Heinrich Breloer. Er hat viel weglassen müssen, sehr viel. Die fünf Generationen des Buches reduziert er auf drei. Johann Buddenbrook senior, Großvater der Hauptfigur, und Johann Buddenbrook junior, deren Vater, verschmelzen zu einer Person - Jean Buddenbrook, gespielt von Armin Mueller-Stahl in ruhiger Souveränität. Einige, viele Figuren fehlen. Die strenggläubige Clara, jüngste Tochter Johann Buddenbrooks etwa. Oder ihr erbschleicherischer Gatte, Pastor Tiburtius. Gotthold Buddenbrook und seine aus einer Mesaillance hervorgegangenen drei Töchter Henriette, Friederike und Pfiffi sind ebenfalls gestrichen, diese grotesken Figuren, deren böse Kommentare über das Schicksal der reichen Verwandten im Roman wie eine Karikatur der antiken Schicksalsgöttinnen wirken. Dafür darf die Romanze des Thomas Buddenbrook mit dem Blumenmädchen mehr Raum einnehmen, ein bisschen Erotik gibt es auch. Der oft sanft ironische, manchmal böse und hin und wieder slapstickhafte Humor Thomas Manns wird auf ein Minimum reduziert. "Diesen sprachlichen Witz kann man im Kino nicht so leicht rüberbringen", sagt Heinrich Breloer, der gemeinsam mit Horst Königstein auch das Drehbuch verfasst hat: "Grünlich so wie im Buch? Dann wird nur noch gelacht. Das wirkt heute ganz schnell albern."

Nun, im Kino wird bei Heinrich Breloers "Buddenbrooks" eher wenig gelacht. Der Regisseur und Autor, der vor allem mit der von ihm perfektionierten Form des "Doku-Dramas" bekannt geworden ist ("Todesspiel", "Speer und Er"), hat sich entschieden, aus dem Roman über die Dekandenz einer Familie den Wirtschaftsaspekt in den Vordergrund zu stellen, auch wenn der Arbeits-Untertitel "Ein Geschäft von einiger Größe" wieder gestrichen wurde. Die Familie Buddenbrook muss sich auf dem Höhepunkt ihres wirtschaftlichen Erfolges der Fahrt aufnehmenden Industrialisierung stellen - und scheitert sowohl geschäftlich als auch persönlich.

Breloers mit opulenter Ausstattung garnierte Spekulation geht auf, der Weltfinanzkrise sei Dank: Der niederländische Geschäftsfreund von Thomas Buddenbrook rägt er zwar Gehrock und Halsbinde, sein "Je größer der Markt, desto größer die Chancen" klingt aber wie ein Globalisierungsjünger, den noch keinerlei Finanzkrisenzweifel anfassen. "Das Thema des Kaufmannes und des Menschen in der sich verändernden Welt ist gerade heute aktuell. In den Buddenbrooks sieht man ein sympathisches Deutschland, dass der Dynamik der Industrialisierung entgegengeht. Buddenbrooks haben nicht die Kraft dafür. Einige Firmen bestehen die Herausforderung, andere gehen zugrunde. Wie heute in der Globalisierung auch", erklärt Henrich Breloer.

Firmenerbe Thomas Buddenbrook, dem der Berliner Schaubühnen-Star Mark Waschke ein Format verleiht, das auch vor dem geistigen Auge des Romanlesers bestehen kann, geht zugrunde. Ein geplatztes Termingeschäft - der Kauf einer Ernte "auf dem Halm" - gibt ihm den Rest. Ausgebrannt stirbt er "an einem Zahn". Sein Bruder Christian Buddenbrook endet im Irrenhaus, fast erleichtert. Übrigens, Christian: In der Rolle des labil-hypochondrischen Wüstlings brilliert August Diehl. Jessica Schwarz nimmt der Tony Buddenbrook gekonnt jede Lächerlichkeit. Iris Berben gelingt eine würdevolle Konsulin, die sich erst auf dem Sterbebett erlaubt, ein wenig aus der Fassung zu geraten. Etwas zu kurz kommt die Figur des Hanno (Raban Bieling), des sensiblen, künstlerisch begabten und todgeweihten Kaufmannssohnes. Aber das ist bei dieser Verfilmung konsequent - soll doch der Mensch am Wirtschaftsleben scheitern, nicht am Leben an sich.

Heinrich Breloer ist eine aktuelle "Buddenbrooks"-Version gelungen, die im Gewand eines Kostümfilmes von in Deutschland selten erreichter Opulenz daherkommt. Ein Film von einiger Größe - und genau das Richtige für die Weihnachtstage. Für Kenner des Buches ist der Film durchaus vergnüglich. Wer sich ärgern will, bitte, er wird Gründe finden. Und wer das Buch nicht kennt? Der hat es besser.

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