Ein Fass ohne Boden

Die Förderaffäre um das Zukunftszentrum Mensch-Natur-Technik im mecklenburgischen Nieklitz nimmt immer größere Ausmaße an: Zu den bisher vom Land und der Bundesstiftung Umwelt gezahlten fast sieben Millionen Euro Finanzhilfe hat das Land dem Parkgründer Prof. Berndt Heydemann weitere Vorteile von etwa 100 000 Euro gewährt – für die kostenfreie Nutzung von 120 Hektar Wald.

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28. März 2008, 06:58 Uhr

Hagenow - Es war eine der letzten Amtshandlungen im damals schwarzen Landwirtschaftsministerium: 120 Hektar Landeswald, bestockt mit teilweise 100-jährigen Bäumen, gestand Ex-Staatssekretär Hermann Steitz Prof. Berndt Heydemann 1998 noch schnell zu, bevor Rot-Rot die Geschäfte übernahm. Zugunsten der Wissenschaft und Forschung verzichte das Land auf die Einnahmen, wurde vereinbart.
Das kommt den Steuerzahlern teuer zu stehen. Nach vorsichtigen Schätzungen schlug der Deal in den letzten zehn Jahren in der Landeskasse mit einem Einnahmeausfall von fast 100 000 Euro zu Buche. Die institutionelle Förderung des Zentrums sei schon „bitter genug“, kritisierte Reiner Holznagel, Chef des Steuerzahlerbundes MV. Die Ausfälle aus dem Holzgeschäft und auch die Zuschüsse aus Arbeitsmarktprojekten müssten aber dazugerechnet werden. Heydemann gibt 60 eigene Mitarbeiter im Zentrum an. Davon, so heißt es beim Land, würden aber nur fünf von ihm bezahlt, die anderen durch die Arbeitsverwaltung. Das Land müsse endlich eine Vollkostenrechnung stellen, forderte Holznagel. Das Zentrum sei „ein Fass ohne Boden“. Der Park sei schlecht erreichbar, die Besucherzahlen geschönt. „Bei mehreren Stichproben waren wir immer die Einzigen“, so Holznagel. Da geht „viel Geld den Bach runter“.

Heydemann rückt von seinem Konzept nicht ab

Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte angekündigt, ohne Nachweis über den Einsatz der Mittel künftig die Förderung einstellen zu wollen. Bei dem Finanzstreit geht es nicht um das Zukunftszentrum selbst. Das ist bundesweit anerkannt. „Ich habe höchsten Respekt vor der Lebensleistung Heydemanns“, stellte Backhaus, Dutzfreund und jetzt Kritiker Heydemanns, klar. Doch mit dem an den Tag gelegten Finanzgebaren und den ausbleibenden wirtschaftlichen Erfolgen hat der renommierte Zukunftsforscher über die Strenge geschlagen. So fehlten die Verwendungsnachweise für 2006, sagte Backhaus. Zwar habe das Land zugesagt, für die über den Erlösen der Bingo-Lotterie liegenden Ausgaben aufzukommen, bislang habe es aber nicht einmal Anträge mit entsprechendem Nachweis gegeben.

Heydemann, gegen den vor wenigen Jahren ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft in Schleswig-Holstein wegen der Veruntreuung von Forschungsgeldern nur gegen die Zahlung von 50 000 Euro eingestellt worden war, kann die Aufregung nicht verstehen: Alle Nachweise seien erbracht, meinte er gestern noch einmal. Das Zentrum sei durchaus in der Lage, an Patentlösungen mitzuarbeiten, wies er entsprechende Kritik von Backhaus zurück. Von seinem Konzept wolle er auch künftig nicht abweichen. Trotz des derzeitigen Finanzstreits gehe er davon aus, dass das Zentrum auch über 2009 hinaus weiterbestehe.

Das Desaster im Zukunftspark hat indes eine Debatte über die politische Verantwortung ausgelöst. So bringt der neue Förderkurs den Fraktionschef der Linken, Wolfgang Methling, auf. Der Ex-Umweltminister hatte sich seinerzeit stark für das Zentrum eingesetzt und hält auch jetzt daran fest. Vorwürfe seines Nachfolgers Backhaus, bei Nieklitz handele es sich um eine „massive Altlast“, wies Methling gestern scharf zurück. Er habe im Auftrag der gesamten Landesregierung gehandelt. Wenn Backhaus den wissenschaftlichen und umweltinformatorischen Gehalt des Zentrums in Zweifel ziehe, diskreditiert er die Arbeit Heydemanns, die weit über die Grenzen der Region anerkannt sei, meinte Methling. Wissenschaftliche Ergebnisse und Patente für die Refinanzierung des Zentrums einzuklagen seien „für die gegenwärtige Anlaufphase jedoch fernab jeder Realität“.

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