Ein Drittel der Kinder im Land leben in Armut - „Skandal“

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07. Mai 2008, 02:53 Uhr

Schwerin - Ein Drittel aller Kinder bis zu 15 Jahren leben in Mecklenburg-Vorpommern in Hartz-IV-Familien und gelten damit als arm. „Damit stehen wir an 15. Stelle im Vergleich der 16 Bundesländer“, sagte der Sprecher der Landesarmutskonferenz, Rudi Duschek, am Mittwoch in Schwerin bei einem Fachforum zum Thema Kinderarmut und Gesundheit. Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider bezeichnete die Situation als „gesamtgesellschaftlichen Skandal“. Seit 1990 sei die Kinderarmutsrate in Deutschland stärker gestiegen als in den meisten anderen entwickelten Staaten.

Duschek sagte, mit ehrenamtlichem Engagement allein sei dem Problem Kinderarmut, das zu Ausgrenzung und Chancenungleichheit führe, nicht beizukommen. „Die Not und Entbehrung muss sich in konkreten Haushaltspositionen widerspiegeln“, forderte Duschek an die Politiker gewandt. So sei es für ein Kind aus einer Hartz-IV- Familie schwierig, in einem Sportverein mitzumachen. Neben dem Vereinsbeitrag seien auch die Kosten für die Sportbekleidung eine Hürde, sagte er der dpa. Solche Ausgaben seien in den Hartz-IV- Regelsätzen nicht vorgesehen.

Die Politikwissenschaftlerin Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt/Main sagte unter Hinweis auf Untersuchungen, die meisten Eltern versuchten, für ihre Kinder auch unter Armutsbedingungen das Beste zu erreichen. Je länger die Armut dauere, desto schwerer werde es aber für sie, die Folgen - auch emotional - für die Kinder abzufangen. „Wenn der Satz von Eltern kommt “Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr„, dann müssen bei Lehrern und Erziehern die Alarmglocken läuten“, sagte Holz. Hilfe für Eltern sollte nach Ansicht der Wissenschaftlerin ausgebaut werden.

Holz verwies auf gesundheitliche Folgen von Armut für Kinder. So seien 9,8 Prozent der armen Grundschüler in Deutschland krankhaft übergewichtig (adipös), bei ihren Altersgenossen aus Familien mit hohem sozialen Status hingegen seien nur 3 Prozent betroffen. Auch der Kontakt mit Alkohol und Nikotin erfolge in armen Familien früher. Zudem seien die sozialen Aktivitäten armer Kinder stark eingeschränkt - Musikschule, Bibliotheksnutzung oder Vereinsmitgliedschaft gebe es bei ihnen sehr viel weniger. „Und das ist die Basis für ihre Zukunft“, gab die Wissenschaftlerin zu bedenken. Je länger und schutzloser Kinder Armut ausgesetzt seien, desto rasanter „fährt der Fahrstuhl für sie nach unten“. Neben einer „armutsfesten Grundsicherung“ forderte Holz auch eine gute öffentliche Infrastruktur.

Sozialminister Erwin Sellering (SPD) verwies auf das kostenlose Mittagessen für bedürftige Kinder von August an in Mecklenburg- Vorpommerns Kindertagesstätten. Bei der Qualität des Essens gebe es aber große Unterschiede, sagte er. „Am besten ist das Essen da, wo selber gekocht wird.“ Es gebe Kitas im Land, die das tun und auch finanzieren könnten. „Das ist sicher nicht leicht, aber ich habe Kitas gesehen, wo das geht.“ Für Investitionen in die Küche könne es Geld vom Bund geben, für die laufenden Kosten seien aber keine Zuschüsse vorgesehen, sagte der Minister der dpa.

Der FDP-Sozialpolitiker Ralf Grabow sieht einen Grund für Kinderarmut in der Überschuldung von Eltern. Er forderte deshalb eine bessere finanzielle Unterstützung der Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen im Land. Landesweit seien 85 000 Kinder von der Verschuldung ihrer Eltern betroffen. Der Vorsitzende der Linksfraktion im Landtag, Wolfgang Methling, forderte, „das Armutsrisiko Hartz IV“ zu stoppen und einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn einzuführen. Für den Mindestlohn sprach sich auch der Minister und SPD-Landesvorsitzende Sellering aus. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Landtagsfraktion, Harry Glawe, sieht in besserer Bildung einen Schlüssel zur Armutsbekämpfung, wie er sagte. Deshalb sinke der Elternbeitrag für das letzte Kindergartenjahr vor Schulbeginn von August an um 70 bis 80 Euro im Monat.

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