Ein dreifaches Wunder

Wunder Medizin: Vor zwei Wochen hatten wir über Philina und Jolien berichtet, die in Köln mit weniger als jeweils 400 Gramm Körpergewicht geboren wurden und wohl auf sind. Aus Schwerin wurde jetzt ein neues, dreifaches Wunder bekannt. Lisa Dräger kam in der 22. Schwangerschaftswoche zur Welt, sie wog nur 490 Gramm und maß winzige 23 cm. Lisa hat es trotzdem geschafft: Ohne Schäden kann sie schon bald aus den Helios-Kliniken nach Hause entlassen werden.

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14. März 2008, 08:01 Uhr

Schwerin - Markus Müller ist das, was man landläufig einen „Kerl wie einen Baum“ nennt. Dass er einen Norwegerpullover trägt, ist Zufall – dass er von seiner Wahlheimat Norwegen schwärmt, ist Absicht. Seit zwei Jahren lebt und arbeitet der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann in Skandinavien. Auch seine Lebensgefährtin Doreen Dräger sollte ihm mit den Zwillingen, die sie erwartete, schon bald nach deren für Februar geplanter Geburt an den Sognefjord folgen. Doch dann kam alles anders.

14./15. Oktober 2007„Ich hatte eine Woche Urlaub genommen, weil wir in Wismar die Wohnung meiner Freundin auflösen wollten. Sie sollte bis zur Geburt der Kinder mit ins Haus ihrer Eltern ziehen. Einen Teil der Möbel wollte uns ein Bekannter im Kleintransporter schon nach Norwegen schaffen“, erinnert sich Markus Müller. Doch weit kam das Paar nicht. Schon am zweiten Tag fühlte die Schwangere sich immer schlechter: Probleme in der Firma, der Umzugsstress – alles wurde ihr zu viel. Vorsorglich ging sie zum Arzt. Und der wies sie sofort in die Schweriner Helios-Kliniken ein. Die Spontangeburt war nicht mehr aufzuhalten. Statt wie errechnet im Februar erblickte das Zwillingspärchen schon am 15. Oktober kurz nach Mitternacht das Licht der Welt. Für Markus Müller war es ein Schock, als ihm seine Frau früh gegen fünf am Telefon von der Geburt berichtete.

Neun Stunden sind die Winzlinge alt, als ihr Vater sie zum ersten Mal sieht. Ein Moment, den er im ganzen Leben nicht mehr vergessen wird. „Die Inkubatoren waren völlig vernebelt, weil die beiden eine besonders hohe Luftfeuchtigkeit brauchten. Anfassen durfte ich sie auch nicht, weil ihre Haut zu dünn war.“ Und trotzdem war da vom ersten Augenblick an ein grenzenloses Gefühl der Liebe.

Für Markus Müller begann eine neue Zeitrechnung – „Lisas Zeit“, sagt er heute. Einen Tag lang war es auch Max’ Zeit. Doch Lisas winziger Bruder war schwächer als sie, er überlebte seinen ersten Lebenstag nicht. „Ich hatte Dienst, als Max verstorben ist“, weiß Dr. Olaf Kannt noch heute. Als Leitender Arzt der Klinik für Neonatologie und Neuropädiatrie der Schweriner Helios-Kliniken hat er am Schicksal der winzigen Frühchen Anteil genommen wie nur wenige andere Menschen. „Die Eltern waren beide sehr schockiert, aber doch auch sehr aufgeklärt“, erinnert er sich. Sie anschließend wieder an Lisas „Bettchen“ zu bringen, sei dennoch ungeheuer schwer gewesen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch ihrer Tochter beim Sterben zusehen müssten, lag zwischen 95 und 99 Prozent. Lisa hatte nur ganz, ganz geringe Überlebenschancen, aber sie hatte welche. Wie sollte ich das den Eltern übermitteln?“, so Dr. Kannt.

25. Oktober 2007Kein Tag vergeht, an dem die Eltern keine Ängste um ihre Tochter ausstehen. „Die ersten beiden Wochen sind die kritischsten im Leben eines Frühchens“, weiß auch Dr. Kannt. In dieser Akutphase geht es ums blanke Überleben. „Der Stoffwechsel des Kindes muss sich umstellen, Blutsalze und Blutzucker dürfen nicht außer Kontrolle geraten, der Gewichtsverlust darf nicht zu groß sein“, erläutert der Mediziner. Exakt dosierte Medikamente sind unerlässlich, um diese Ziele zu erreichen. „Exakt dosiert heißt bei ganz kleinen Frühchen auch, dass wie einen halben oder sogar nur einen viertel Tropfen verabreichen müssen“, erklärt Dr. Kannt.

Lisa ist gerade zehn Tage alt und wiegt inzwischen nur noch 440 g, als sie am Herzen operiert werden muss. Eine Öffnung im Herzen, die sich beim reifen Neugeborenen von selbst geschlossen hätte, muss bei ihr operativ beseitigt werden.
November 2007Nach der gelungenen OP nimmt Markus Müller schweren Herzens Abschied von Freundin und Tochter. „Ich musste mich ja endlich in der Firma melden und klären, wie es weiter gehen sollte – ich konnte ja nicht riskieren, dass der Job flöten geht.“
Was der junge Vater dann in Norwegen erlebte, ist in Deutschland unvorstellbar. „Was willst du eigentlich hier“, fragte ihn sein Chef. „Du gehörst doch jetzt zu Frau und Kind.“ Auch bei der Krankenkasse hieß es nur: „Sieh zu, dass du gleich wieder losfährst. Hier sind die Papiere für deine bezahlte Freistellung. Es reicht aber, wenn du sie uns aus Deutschland zurückschickst.“

Auch in seinem nur 270 Einwohner zählenden norwegischen Heimatdorf stieß Markus Müller nur auf Zuspruch und Hilfsangebote. Selbst Max’ Beerdigung samt Kostensammlung wollten die dortigen Freunde und Gemeindemitglieder organisieren, nachdem sie hörten, welchen bürokratischen Zumutungen die Eltern in Deutschland ausgesetzt waren.
Seine Freundin hat hier in Deutschland dagegen ganz anderes erlebt. Dass ihr die Krankenkasse zur Geburt ihres Sohnes Max gratulierte – ohne Rücksicht auf seinen Tod und ohne Kenntnis dessen, dass es auch noch einen Zwilling gibt – ist dem Vater ebenso unverständlich wie der Papierkrieg, der nötig war, bevor die Kasse sich bereit erklärte, die Kosten für die täglichen Fahrten in die Klinik zu übernehmen. Die Frage „Sie bringen wirklich täglich die abgepumpte Muttermilch nach Schwerin?“, sei ebenso eine Frechheit wie der Betrag von 20 Cent je Kilometer, der zur Erstattung der Fahrtkosten letztlich gezahlt wird, findet Markus Müller.

Dezember 2007Unverdrossen fährt das Paar weiter an jedem Tag in die Klinik. „Wenn ich aus dem Winterurlaub zurückkomme und Lisa geht es gut, dann überlebt sie“, verabschiedet sich Oberarzt Dr. Kannt kurz vor Weihnachten von den Eltern. Und Lisa lebt weiter – im Brutkasten erlebt sie ihr erstes Weihnachten und den ersten Jahreswechsel.
Mittlerweile gehört das Kuscheln mit den Eltern für sie zum Tagesablauf. Voll verkabelt wird sie dazu mal der Mutter, mal dem Vater auf die Brust gelegt. Und langsam glimmt auch in den beiden endlich der Hoffnungsfunke auf, dass die Kleine es schaffen könnte. „Unsere kleine Kämpferin“, sagt ihr Vater liebevoll von ihr.


Februar 2008


Lisa bleibt nicht von Komplikationen verschont. „Netzhautablösungen sind eine weitere gefürchtete und leider gar nicht so seltene Komplikation nach Frühgeburten“, erklärt Dr. Kannt. Um Lisas Augenlicht zu erhalten, muss das kleine Mädchen insgesamt dreimal operiert werden. „Die OP selbst ist nicht schlimm“, meint der Vater. „Aber schlimm für so ein kleines Wesen ist die Vollnarkose.“ Die Operation gelingt. So erlebt Lisa den 12. Februar, den Tag, an dem sie und ihr Bruder eigentlich zur Welt kommen sollten, gesund und kräftig.


März 2008


Noch immer pumpt Doreen Dräger täglich die Muttermilch ab und nimmt sie mit in die Klinik. Dort wird sie mit Mineralien angereichert, „denn Muttermilch ist entsprechend dem Bedarf reifer Neugeborener zusammengesetzt“, erklärt Dr. Kannt. Lisa hat auch deshalb von Anfang an zusätzlich spezielle Frühgeborenen-Nahrung bekommen.

Jetzt wiegt sie stolze 2,5 kg und ist von der Kleinsten zur Größten auf der Frühchenstation herangewachsen. Längst liegt sie statt in einem „Brutkasten“ in einem normalen Babybettchen. Statt der Spezial-Strampler der Frühchenstation trägt sie normale in Größe 52. „Noch hat sie einige Atemaussetzer, die wir medikamentös abstellen“, so Dr. Kannt. „Doch schon in wenigen Tagen werden wir Lisa nach Hause entlassen können.“
Dort wird sie, wie auch jetzt in der Klinik, noch einige Zeit lang an einem Überwachungsmonitor angeschlossen bleiben. Er misst Herzschlag und Sauerstoffsättigung – und gibt den Eltern Sicherheit.

Für sie wird Lisas Klinikentlassung ein großer Einschnitt im Leben sein. Markus Müller wird schweren Herzens von seinen Frauen Abschied nehmen und nach Norwegen zurückkehren müssen. „So lange Lisa nicht stabil ist, bleibt meine Frau mit ihr hier“, erklärt er. Ihren Vater wird die Kleine nur sehen, wenn er Urlaub hat – „aber das sind ja immerhin fast acht Wochen“, macht der sich Mut für die nächsten Monate. Den ersten Geburtstag soll Lisa auf jeden Fall noch in Wismar feiern. „Aber ich hoffe, dass wir spätestens nächstes Jahr im Mai dann alle in Norwegen zusammen sein werden“, meint Markus Müller.

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