Ein Dorf wehrt sich - Sexualstraftäter in Therapie verunsichert Müritzkreis

Aufschrei in Zahren: Die Einwohner des Müritz-Dorfes wollen Werner K. loswerden. Der Verurteilte hat sechs Frauen vergewaltigt und saß 22 Jahre im Gefängnis. Dort lehnte er Therapien ab, jetzt besucht der Freigelassene doch eine – im Blaukreuzzentrum Schloss Zahren.

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18. September 2008, 07:12 Uhr

Waren - Frühsport, Gesprächsrunden, gemeinsames Backen, Wäsche waschen und einkaufen – Sozialarbeiter des Blaukreuzzentrums Schloss Zahren helfen Drogenabhängigen und Kleinkriminellen. Und seit kurzem kümmern sie sich um Sexualstraftäter mit langjähriger Gefängniserfahrung – wie Werner K. Die rund 100 Zahrener haben Angst. Sie fordern vom Innenministerium MV die Verlegung. „Die Leute wollen, dass er weg kommt“, sagt Bürgermeisterin Ingeborg Heller.

Gestern reagierte Innenminister Lorenz Caffier (CDU): Werner K. sei „nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes ein freier Bürger“, der der Führungsaufsicht des Landgerichts Potsdam unterliege, das durch einen Bewährungshelfer vertreten werde. Das Innenministerium habe keinen Einfluss auf den Aufenthaltsort.

22 Jahre hat der 49-Jährige gesessen. Sechs Frauen hat er vergewaltigt, ein Mädchen soll er sexuell missbraucht haben. Seit Mitte April ist er auf freiem Fuß.

Eigentlich sollte er in Sicherungsverwahrung, die aber wurde durch einen Justiz-Fehler verhindert. Das Landgericht Frankfurt (Oder) hatte im Prozess den entsprechenden Antrag versäumt, die Frist war abgelaufen, eine Sicherungsverwahrung unmöglich. Der Bundesgerichtshof lehnte einen nachträglichen Antrag ab. Nach Ansicht der Zahrener Bürgermeisterin ein Skandal, denn Gutachter halten Werner K. weiter für gefährlich.

NPD instrumentalisierte die Angst der Menschen
In dem Dorf darf er sich frei bewegen, macht freiwillig eine Therapie, um wieder im Alltag klar zu kommen. Doch noch im Gefängnis soll er jede Behandlung abgelehnt haben. „Wir fühlen uns sowohl vom Innenministerium, als auch vom Träger der Einrichtung in Zahren hintergangen“, sagt Heller.
Der Grund: Gleich nach seiner Entlassung war Werner K. schon einmal in den kleinen Ort gekommen.

Er wurde aber im Juni abgeholt – wohl auch auf Druck der Einwohner. Danach sei den Zahrenern versprochen worden, sie zu informieren, sollte wieder ein Schwerverbrecher ihre Idylle stören. Doch das blieb aus.

Auch die Bewohner des brandenburgischen Joachimsthals hatten sich im Juni gegen Werner K. gewehrt. Der Protest eskalierte zu einer Auseinandersetzung zwischen Rechtsextremen und Linken, als die NPD mit einer „Antikinderschänder-Demo“ die Angst der Menschen instrumentalisieren wollte. Die antifaschistischen Gegner gingen gegen die NPD auf die Straße. Ein Nebenschauplatz. Werner K. musste das Dorf verlassen.

Zurück in Zahren sind Anwohner erneut in Sorge. Erst durch ungewöhnlich häufige Polizeipräsens sind sie aufmerksam geworden. Die Mitarbeiter des Übergangswohnheims schweigen. Wohl auch, weil ihnen bewusst ist, dass viele Zahrener kritisch auf die Einrichtung gucken. Vor wenigen Jahren erst hatten sie deren Umzug in ihr Schloss zugestimmt – um Alkohol- und Drogenkranken zu helfen.

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