Ein Blinddarm ist ein Blinddarm

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Mit Blinddarmentzündung ins Krankenhaus: Wie viel die Krankenkassen für die Therapie bezahlen, hängt nicht von der Diagnose ab, sondern davon, wo sie gestellt wird. Nirgendwo in Deutschland sind Krankenhauspatienten den Kassen weniger wert als in MV. dpa

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13. November 2009, 05:48 Uhr

Schwerin | In den Krankenhäuser des Landes brodelt es. Diagnose: grassierende Magenverstimmung. Ursache: schwarz-gelbe Regierungsabsichten. Vor allem ein Satz im Koalitionsvertrag gibt Anlass zu neuerlicher Verärgerung in Gesundheitswesen: "Bundeseinheitliche Preise werden abgelehnt." Ein Schlag ins Gesicht für Wolfgang Gagzow und seine Vereinsmitglieder. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (KGMV), Dachverband von Akutkrankenhäusern und Rehakliniken, nutzte die Jahrestagung seines Vereins in Rostock zum dringenden Appell an die Bundesregierung: Schluss mit der Ungleichbehandlung . Er zitiert Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Wort von gleichen Lebensbedingungen in Ost und West und leitet daraus die Forderung ab, gleiche Entgelte für gleiche Leistungen bundesweit zu zahlen.

Der Abstand von Ruderboot

zu LuxuskreuzerDavon ist der medizinische Bereich meilenweit entfernt. Wenngleich ein entzündeter Blinddarm in München nicht anders aussieht als in Ludwigslust, so ist seine Therapie den Krankenkassen dort wie hier unterschiedlich viel wert. Bis zu 20 Prozent weniger als anderswo erhalten Krankenhäuser hier zu Lande für gleiche medizinische Leistungen, legt Wolfgang Gagzow dar. Eine Situation, die sich von Jahr zu Jahr verschlimmere, seit 1992 das Gesundheitsstrukturgesetz die sogenannte Budget-Deckelung festschrieb.

Auf Grundlage der Kosten im Jahr 1991 waren seinerzeit Budgets für alle Bundesländern ermittelt worden - "von damals natürlich noch völlig unerfahrenen Verhandlungsführer unsererseits", wie der KGMV-Chef bedauert. Seitdem steigen die Budgets jährlich durchschnittlich um bundesweit einheitliche ein bis zwei Prozent. Wohin ein armer Schlucker damit kommt, veranschaulicht Wolfgang Gagzow so: "Wenn einer ein Ruderboot hat und der andere einen Luxuskreuzer und beide bekommen 100 Prozent mehr, dann hat der eine zwei Ruderboote und der andere zwei Luxuskreuzer." Auf das Gesundheitswesen in Mecklenburg-Vorpommern bezogen bedeutet das: Einmal Schlusslicht, immer Schlusslicht und das auch noch mit immer größerem Abstand.

Und, nicht zu vergessen: Schlusslicht mit Kosten, die sich von denen der Spitzenreiter ebenso wenig unterscheiden wie der entzündete Blinddarm in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Mittlerweile hat sich nämlich sogar das Günstigere-Lohnkosten-Argument erledigt, wie es aus den Krankenhäusern heißt. Der Wettbewerbsdruck machte das nötig.

Bis zur Formulierung im Koalitionsvertrag hielt sich in den Krankenhäusern die Hoffnung, die Unterschiede in der Vergütung der medizinischen Leistungen würden sich schrittweise beheben lassen. Fragen danach, wie sich Qualität und schlechtere Vergütung miteinander vereinbaren lassen, sind bei Klinikbetreibern äußert unbeliebt. Allenfalls ist salomonisch von "aufgebrauchten Rationalisierungreserven" die Rede. Im Klartext: Jedem guten Willen und allen Rechenkünsten zum Tortz muss der Patient es ausbaden. Wolfgang Gagzow rät der Politik, das eine zu bedenken: "Der Patient holt sich seine Leistung, wer sie im Akutfall nicht bekommt, der kriegt sich nachher als Pflegefall, und dann zahlen wir doppelt und dreifach."

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