Ein bisschen Sehnsucht

Christoph Schroth (li.) und Holk Freytag diskutierten mit Theater-Journalist Hartmut Krug über die Theaterkultur in der DDR und in der BRD - für das Thema Theater im heutigen Deutschland blieb angesichts des spannenden Themas keine Zeit mehr.
Christoph Schroth (li.) und Holk Freytag diskutierten mit Theater-Journalist Hartmut Krug über die Theaterkultur in der DDR und in der BRD - für das Thema Theater im heutigen Deutschland blieb angesichts des spannenden Themas keine Zeit mehr.

Theater Ost und Theater West - was hat sie vor 1989 unterschieden und was unterscheidet sie noch? Das Staatstheater hatte zu dieser Frage unter anderem seinen ehemaligen Schauspielchef Christoph Schroth geladen, der in Schwerin immer noch auf begeisterte Anhänger zählen kann.

svz.de von
02. November 2009, 06:18 Uhr

Schwerin | Der Titel des Abends war hoch gewählt: "Theater in Ost und West - Von Visionen und Realitäten auf Deutschen Bühnen bis 1989". Das Konzertfoyer des Staatstheaters war voll besetzt, sogar vor dem Theaterportal standen Interessierte Schlange. Sie wollten ihn sehen: Christoph Schroth, Schauspieldirektor in Schwerin von 1974 bis 1989, später am Berliner Ensemble und danach Intendant in Cottbus. Außerdem auf dem Podium: Holk Freytag, 1975 Gründer und Intendant des Schlosstheaters Moers, langjähriger Generalintendant in Wuppertal und Intendant am Staatsschauspiel Dresden. Zwischen Theaterlegende Ost und Theater-Veteran West moderierte Hartmut Krug das Podiumsgespräch, Theaterwissenschaftler, Journalist und als ehemaliger Reisekorrespondent Kenner der DDR-Theaterszene.

Als die Alt-Schauspieler und Schauspieler Bärbel Röhl, Brigitte Peters, Ekkehard Hahn, Udo Molkentin, Ute Kämpfer, Horst Rehberg, Ortwin Spieler, Marianne Barth und Ingrid Michalk wie bei dem legendären Liederabend vor 20 Jahren klassisches FDJ-Liedgut intonierten, war zu fühlen, wie sehr die durch den Zeit-Zusammenhang so doppelbödigen Zeilen wie "kommt neues Leben auch in unser Land" damals, 1989, gewirkt haben müssen.

In den Monaten vor der Wende lauschte das Publikum - und es war zahlreich - in den Theatern auf jeden Satz und jeden Zwischenton. Theater war ein Forum des Diskurses, der Auseinandersetzung, eine "lebendige Kommunikationsebene", so Schroth: "Volkstheater hat als Begriff immer so etwas Anrüchiges. Aber wir haben uns entschlossen, das Publikum ernst zu nehmen in seinen Wünschen, Ansprüchen und Problemen."

Und drüben? Holk Freytag beschrieb den Antrieb seiner jungen Theater-Jahre so: "Wir hatten von der Restauration der Adenauer-Ära die Nase voll." Die ausgebliebene und verdrängte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sei "unser Ausgangspunkt" gewesen.

Allerdings eben in einer Theaterlandschaft, in der das Auge des Staates nicht schon die Proben beobachtete - wie bei Christoph Schroths legendärem Faust-Projekt. "Da bestellte die Bezirksleitung beim Institut für Gesellschaftswissenschaften eine Kommission, die den Entstehungsprozess der Inszenierung begleiten sollte", berichtete der Regisseur. Als Opposition habe er sich aber nicht verstanden, nur als konstruktiver Kritiker: "Unser Traum war, die DDR zu retten, als sozialistischen Staat mit menschlichem Antlitz".

Theater als Forum kritischer Auseinandersetzung, als Geschehen von gesellschaftlichem Belang… Vielleicht klang im stehenden Applaus des Publikums für Schroth und seine ehemaligen Schauspieler auch ein wenig Sehnsucht nach diesem Damals mit - als das Theater noch ein Leitmedium war und einzelne Sätze auf der Bühne es vermochten, greise Politbürokraten und ihre Handlanger zu erschüttern.

Draußen, vor der Tür, hatten einige der frierenden Schroth-Fans zum Auftakt des Abends noch den einen Satz gerufen: "Wir sind das Volk!"

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