Castor-Krawalle im Wendland : "Ein bisschen Chaos überall"

Der Weg ins Zwischenlager Gorleben wurde mehrfach blockiert. Die Polizei musste ihn für den Castor-Transport räumen.dpa/dapd
Der Weg ins Zwischenlager Gorleben wurde mehrfach blockiert. Die Polizei musste ihn für den Castor-Transport räumen.dpa/dapd

Gleisblockaden, massive Proteste und gewaltsame Ausschreitungen haben den Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben verzögert. Krawalle überschatteten gestern im Wendland die friedlich verlaufene Anti-Atom-Demo vom Vortag.

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08. November 2010, 11:51 Uhr

Mitten im Wald treffen sie aufeinander: "Hau drauf", ruft ein Polizist seinem Kollegen zu, der mit einem Schlagstock auf die Castor-Demonstranten zurennt. Atomkraftgegner sind an diesem Morgen in einem Wald beim niedersächsischen Leitstade unterwegs, durch den der Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll rollen soll.

Immer wieder versuchen die Demonstranten, zu den Schienen zu gelangen, um Steine aus dem Gleisbett zu entfernen. "Schottern" nennen sie die Aktion. Die Polizei drängt die Protestler entschlossen zurück, Schlagstock und Pfefferspray kommen zum Einsatz.

Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei

Wenige Stunden, bevor der Zug mit dem Atommüll im Wendland ankommt, nehmen die Proteste rund um Gorleben an Schärfe zu.

Tausende Demonstranten nahe Dannenberg versuchen immer wieder, die Gleise zu besetzen. Zusätzlich erschweren zahlreiche Trecker-Blockaden die Lage für die Polizei. Schließlich der Efolg für die Kernkraft-Gegner: In Dahlenburg, rund 30 Kilometer vor dem Verladebahnhof Dannenberg, von wo aus die elf Behälter die letzten Kilometer per Tieflader zurücklegen sollen, muss der Zug stoppen. Die Castoren werden dort mit Stacheldraht eingezäunt. Laut dem Vorsitzende der Deutschen Polizei-Gewerkschaft, Rainer Wendt, soll am Montag um 9 Uhr eine Einsatzbesprechung über das weitere Vorgehen entscheiden - die Polizei sei "absolut am Ende ihrer Kräfte", so Wendt.

"Es ist gerade ein bisschen Chaos überall", hat ein Demonstranten-Sprecher bereits am Sonntagnachmittag gesagt. Die Polizei sprach von "massiven Angriffen" auf die Beamten. Im Bereich Göhrde sind bis zu 2000 Demonstranten in einem Waldgebiet auf den Gleisen, sie liefern sich ein Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei und ziehen sich immer wieder in den Wald zurück. An den Gleisen stehen mehrere Wasserwerfer. Die Aktivisten selbst sprachen von 5000 Demonstranten, die auf zwei Kilometern Länge die einzige Zugstrecke zum Verladebahnhof Dannenberg blockierten. "Das ist eine fließende Lage", hieß es bei der Polizei.

Am Tag zuvor blieb der Protest dagegen noch weitgehend friedlich: Rund 50 000 Atomkraftgegner versammelten sich am Samstag nach Angaben der Veranstalter zur größten Anti-Castor-Demo, die es je im Wendland gegeben hat. Über den Köpfen der Demonstranten bewegte sich ein Meer von grünen und gelben Fahnen, auf denen die Worte "Atomkraft - Nein, Danke" zu lesen waren. Die Stimmung war trotz des konfliktträchtigen Anlasses gut - Musik schallte über die Fläche, Menschen tanzten, Kinder spielten auf dem Boden.

Doch am Sonntag wandelt sich das Bild der friedlichen Großdemo. Es kracht: Bei Leitstade nahe Hitzacker kommt es zu teils heftigen Auseinandersetzungen mit Polizisten. Einige der Demonstranten provozieren die Beamten und werfen mit Stöcken und Strohsäcken auf sie. Die Polizei reagiert im Laufe des Vormittags zunehmend aggressiver.

Mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfer drängen sie die Aktivisten in den Wald, eine Reiterstaffel setzt nach. Am Rande der Krawalle sitzt ein junger Mann mit einer blutenden Kopfwunde, er hat einen Hieb mit dem Schlagstock abbekommen, mehrere Menschen halten sich nach dem Einsatz von Pfefferspray die Augen.

Eine Gruppe von Journalisten ist in diesem Moment hautnah bei den Aktionen dabei - die Demonstranten erhoffen sich von der Öffentlichkeit einen gewissen Respekt der Polizei. "Ihr seid unser Schutzschild", sagen die Sprecher der Kampagne "Castor-Schottern". So ganz geht deren Sicherheitskonzept allerdings nicht auf: Im Gerangel mit den Beamten kommt es zu Verletzten.

Verletzte auf beiden Seiten

Nach mehreren Versuchen, auf die Schienen zu gelangen, ziehen sich die "Castor-Schotterer" in den Schutz des Waldes zurück. Das Zentrum des Protestes verlagert sich jetzt zu einer Sitzblockade auf den Gleisen bei Harlingen - und auf der Straße zum Zwischenlager Gorleben harren mehr als 1200 Menschen aus. Die Polizei beobachtet hier den Protest, greift aber zunächst nicht ein.

Am Rande der Schienen-Blockade bei Harlingen kommt es am frühen Nachmittag allerdings zu einem schweren Unfall: Als eine Frau den Halt verliert und die Böschung hinunterrutscht, gerät sie mitten in eine vorbeireitende Polizeistaffel und wird von einem Pferd schwer verletzt. Ein Hubschrauber bringt sie mit mehreren Knochenbrüchen in eine Klinik. Wie viele Demonstranten und Sicherheitskräfte in der heißen Protestphase insgesamt verletzt werden, kann die Polizei da noch nicht sagen. Wann der Castor wieder rollt? Auch das will gestern Abend niemand sagen.

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