Ein Besuch bei Gesine Schwan im Hörsaal der „Viadrina“

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12. Juli 2008, 08:14 Uhr

Frankfurt (Oder) / Slubice - Das kann nicht jeder. Der anspruchsvolle Vortrag über die Herausforderungen globaler Politik belastet offenbar nicht, der schnelle Griff zum hinten hoch gesteckten Wusel-Haar – eher Geste denn Eitelkeit – wirkt nicht künstlich, die drei, vier Schritte hoch auf die Bühne, auf der nur Pult und Mikrofon stehen, sind sicher, und der wache Blick in die Runde leuchtet blau in den Saal.

Dann aber doch ein schnelles Bremsen im forschen Schritt, Küsschen hier, Küsschen da in der ersten Reihe: Begrüßung der Auserwählten im fast voll besetzten großen Hörsaal der Viadrina, genauer des „Collegium Polonicum“, eben über die Oder, in Slubice auf polnischer Seite.

Normalfall offenbar für eine wie Gesine Schwan zwischen Deutschland und Polen, Alltag mitten in Europa und zwischen der Präsidentschaft der renommierten Universität und der Vielleicht-Präsidentschaft der Bundesrepublik.

Ihr Amt in Frankfurt gibt sie auf, Gunter Pleuger – in Wismar geboren und früher deutscher Vertreter bei den Vereinten Nationen – ist schon als ihr Nachfolger an der Europa-Universität in Brandenburg gewählt.

Es ist die letzte Vorlesung an „ihrer Viadrina“. Danach wird sich Gesine Schwan einer neuen Herausforderung stellen, wird ganz Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Gegenkandidatin von Horst Köhler. Er getragen von Konservativen und Liberalen, sie Wunschfrau der SPD, wohlwollend betrachtet von den Grünen und – ein Politikum von ypsilantischer Tragweite – auch von der Linken.

Jeder spürt die Besonderheit des Augenblicks, nur Gesine Schwan selbst wirkt so unbeeindruckt, dass man sich als Beobachter in allgemeinen Betrachtungen verliert, solange sie ihren Vortrag noch nicht begonnen hat: Sie hat mehr Zähne als andere, so sieht es jedenfalls aus. Und das Haar, ja das Haar...

Es passt nicht in die wissenschaftlich-geprägte Ehrwürdigkeit der Umgebung, aber wer in Norddeutschland lebt, denkt an Störche, die daran ihre Freude hätten. Rock und Bluse – oder ist es ein Kleid? – sind nicht knitterfrei, die Trägerin aber hat auch ungebügelt eine gewaltige Präsenz, obgleich sie mittlerweile ganz allein mit ihrem kleinen Pult auf der Bühne steht. Gesine Schwan, eine schmale Person mit hellwachen Augen auf einer Bühne, die wohl mehr als 15 Meter breit ist.

Beginnt hier in Polen, in Slubice an der Oder, der deutsche Präsidentschaftswahlkampf? Irgendwer wird es sicher so sehen, die aktuelle politische Lage macht Widerspruch sogar schwer. Dennoch verabschiedet sich merkbar hier „nur“ eine Hochschul-Präsidentin von ihrer Hochschule, von ihren Studenten und von Vertretern der Stadt ihres Wirkens und der Wirtschaft. Momente der Rührung inklusive, aber die lässt die Noch-Präsidentin erst nach Vortrag und Diskussion sichtbar zu.

Schwerer Stoff für Laien: „Die Zukunft demokratischer Politik. Wie demokratische Politik als ,Good Governance’ gelingen kann.“ Gesine Schwan pflügt mit Leichtigkeit durch ihr Thema, verzichtet auf wissenschaftliche Wort-Drechseleien und umschifft Fremdwörter. Und wenn ihr doch einmal eines ’rausrutscht, übersetzt sie es sofort.

Sie ist tief in ihrem Thema, und sie will verstanden werden, weil sie etwas zu sagen hat. An diesem Tag kommt man nicht umhin, an den Bundespräsidenten im Amt zu denken, an seine Reden und an seine didaktischen Fähigkeiten.

„Unterbrechen Sie mich gern – ich halte das aus“, fordert Gesine Schwan das Publikum auf. Sie will Fragen im vollen Lauf beantworten, fasziniert dann aber doch so, dass jedes Nachhaken aus dem Auditorium bis zum Ende ihrer Ausführungen aufgespart wird.

Gesine Schwan unterbricht sich selbst. Mitten in der Betrachtung der unterschiedlichen Aufgaben von Politik, Nicht-Regierungs-Organisationen und Privatleuten im Demokratieprozess hält sie inne als die Tür aufgeht und freut sich über das Erscheinen ihres Mannes, den sie zur Vorlesung gar nicht erwartet hatte.

Mit großer Leichtigkeit ruft sie ihm ihre herzliche Freude entgegen, und ebenso mühelos nimmt sie den Faden ihres Vortrages später wieder auf, streift die Lehren von Karl Marx und macht ihren Zuhörern klar, dass es in einer globalisierten Welt keine Welt-Regierung geben könne, „keine erzwingende Weltinstanz“. Macht müsse vielmehr darauf zielen, gemeinsame Ziele zu erreichen.

Zwischen Chance und Gewissheit: Lernplattform Demokratie

Gesine Schwan spricht vom „global compact“ nach Kofi Annan, einem Bündnis mit politischen und sozialen Inhalten nach UN-Maßstab, nennt es eine „Lernplattform“ mit den Zielen Menschenrechtssicherung, Arbeitsnormen-Verpflichtung, vorsorgendem Umweltschutz und einem klaren Anti-Korruptionskurs.

Sie spricht von demokratischen Prozessen in der Gesellschaft, begleitet von Transparenz und Kontrolle, sie spricht von der „organisierten Chance, nicht von Gewissheit“. Ihre Gewissheit, dass eine globalisierte Welt demokratisch und wertorientiert sein kann, stützt sie auch darauf, dass „kluge junge Menschen nicht die Umwelt zerstören wollen, nur um ein paar Kröten mehr in der Tasche zu haben“.

Sie setzt auf die Durchschlagskraft der Erkenntnis in Unternehmen, dass wertorientiertes Handeln auch in der Wirtschaft interessant ist, weil es Marktwirkung hat. Anders gesagt: Handelt ein Unternehmen frevelhaft und es spricht sich herum, wird es Probleme haben, seine Produkte zu verkaufen.

Die Politik-Wissenschaftlerin und Viadrina-Präsidentin sagt von sich, dass sie „lange Erfahrung in der Analyse von Gesellschaft“ habe, aber auch „die Zwänge der praktischen Politik“ kenne. Bundespräsident oder Bundespräsidentin müssten „erklären, welche langen Linien hinter tagespolitischen Entscheidungen stecken, damit die Menschen überlegen können, wie sie selbst entscheiden würden“.

Die Wahl des Bundespräsidenten hält sie nicht für eine Koalitions-, sondern für eine Persönlichkeitswahl. Etwas wirklichkeitsfremd sagt Frau Schwan auch, sie sei „kein Präjudiz für künftige Koalitionen“. Dabei ist klar, dass die SPD-Parteiführung sie nicht gegen viele Stimmen im eigenen Lager ins Rennen gegen Horst Köhler geschickt hätte, wenn es nicht darum ginge, neue Bündnisse vorzubereiten und Wahlergebnisse im Bund zu bekommen, die gestaltenden Machterhalt bedeuten. Die Professorin setzt den Gedanken dagegen, in dem überparteilichen Amt des Bundespräsidenten sei es Aufgabe, „ein demokratisches Klima zu beleben, in dem sich alle Bürgerinnen und Bürger – übrigens auch solche, die die Linkspartei wählen – angemessen repräsentiert fühlen“.

Mit diesem Gedanken ist sie wieder dicht an ihrem Vortrag im „Collegium Polonicum“. Dort, wo sie gegen Ende ihrer Ausführungen gern zum spät gereichten Glas Wasser greift und unzensiert Begeisterung stöhnt, wie es nur selten in Hörsälen zu hören ist.

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