zur Navigation springen

Atommüllzwischenlager Gorleben : Ein besetzter Zipfel DDR

vom

Mit dem Bau des Zwischenlagers Gorleben war vor 30 Jahren begonnen worden. Atomkraftgegner aus dem Wendland protestierten damals mit einer spektakulären Aktion: Sie besetzten für einen Tag einen Zipfel DDR-Gebiet.

svz.de von
erstellt am 26.Jan.2012 | 09:50 Uhr

Gorleben | Nach mehr als fünf Tagen erreichte der 13. und bislang letzte Castor-Transport am Morgen des 28.11.2011 sein Ziel. Rund 126 Stunden und damit deutlich länger als jeder andere Atommülltransport benötigte er von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in der Normandie bis ins Zwischenlager Gorleben. Mit dessen Bau war vor 30 Jahren begonnen worden, am 26. Januar 1982.

100 Atomkraftgegner aus dem Wendland protestierten damals mit einer spektakulären Aktion: Sie besetzten für einen Tag einen Zipfel DDR-Gebiet - und versetzten Ordnungshüter, Diplomaten und Politiker in helle Aufregung.

Polizei und Bundesgrenzschutz sicherten das zehn Hektar große Baugelände für das geplante Lager mit Stacheldrahtrollen, die Rodungsarbeiten in dem tellerflachen Waldgelände starteten noch am selben Tag. Damit wurde Gorleben als bundesweit erstes Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente und schwach radioaktive Abfälle in Angriff genommen, auch wenn bis heute meist nur von den Castor-Behältern mit ihrer radioaktiven Last die Rede ist.

Erste Probebohrungen zur Erkundung des Baugrundes in Gorleben hatte es bereits im März 1979 gegeben, auch sie wurden schon von Protesten aufgebrachter Atomkraftgegner begleitet.

"Der Name Kartoffelscheune ist damals schnell entstanden", erinnert sich Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg an den späteren Bau der Kons truktion - eine 189 Meter lange, 38 Meter breite und 22 Meter hohe Betonhalle. "Die Halle heißt so, weil sie lediglich Schutz vor schlechtem Wetter bietet. Nur die Castor-Behälter sollen bislang den Schutz vor der Strahlung oder etwa Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen garantieren." Andere Wendländer erklären, dass der Bau wie eine Scheune ohne atomrechtliches Verfahren oder Bürgerbeteiligung genehmigt worden sei. Die Wände seien zum Teil dünner als 50 Zentimeter, kritisierte einst Mathias Edler, mittlerweile Experte bei Greenpeace.

Erst knapp zwei Wochen vor Baubeginn hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Lüneburg die letzten juristischen Hürden aus dem Weg geräumt. Sechs Bürger hatten geklagt. Viele Lokalpolitiker dagegen freuten sich über kommende Arbeitsplätze und üppig fließende Steuereinnahmen in dem strukturschwachen Gebiet - vor der Wiedervereinigung nur "Zonenrandgebiet" an der Grenze zur DDR.

Warum Gorleben damals bei einer Prüfung von 250 Orten ausgewählt worden war, ist bis heute nicht ganz geklärt. Seit 1995 werden in der Halle ausgediente Brennelemente aus Atomkraftwerken zwischengelagert. Auf unabsehbare Zeit werden die Behälter aber nach bisheriger Planung nicht dort stehen bleiben. "Die befristete Betriebsgenehmigung erlischt Silvester 2034", erklärt Sprecher Jürgen Auer von der Betreiber-Gesellschaft GNS. Die Halle darf maximal 420 Behälter aufnehmen. Alle zusammen dürfen bis zu 3800 Tonnen Kernbrennstoff enthalten.

In dem fensterlosen Betonbau warten mittlerweile 113 Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll auf den Weitertransport ihres strahlenden Inhalts in ein Endlager, das noch nicht gefunden ist.

Vom Zwischenlager nur wenige hundert Meter entfernt liegt der schlagzeilenträchtige Salzstock, der seit Jahrzehnten auf seine Eignung als letzte Lagerstätte untersucht wird. Bund und Länder haben im November beschlossen, 2012 mit der Suche nach einem Endlager neu zu beginnen.

Die Proteste rissen in den vergangenen 30 Jahren nie ab - Berichte über angeblich erhöhte Strahlenwerte lieferten den Gegnern 2011 rechtzeitig vor dem dreizehnten Castor-Transport einen weiteren Grund für Proteste.

Und einer Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge hat sich rund um die Anlage das Geburtenverhältnis verändert. Seit Beginn der Lagerung hochradioaktiven Atommülls werden weniger Mädchen geboren. Die Frage, ob die Strahlung aus dem Zwischenlager dafür verantwortlich ist, beantwortete die Studie nicht.

Der neueste Plan für Gorleben: Vor wenigen Wochen gab das Bundesumweltministerium bekannt, dass alle deutschen Zwischenlager, also auch Gorleben, nachgerüstet werden sollen. Die angekündigten baulichen Maßnahmen dienten dem Schutz gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter, hieß es. Dazu zählen auch mögliche terroristische Angriffe.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen