Ein Afrikaner in Mecklenburg

Martin Rüchel ist 22 Jahre alt und hat schon fast die ganze Welt gesehen. Mit sieben Jahren ging der gebürtige Bayer mit seiner Familie nach Namibia auf eine Farm nahe der Kalahari-Wüste. Vor zwei Jahren verschlug es ihn nach Kogel in Mecklenburg – jetzt lebt er noch für ein knappes Jahr hier und lernt alles über die deutsche Landwirtschaft. Diese, so sagt er, werde in Afrika hoch geschätzt.

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30. Mai 2008, 07:46 Uhr

Kogel Manchmal vermisse er die Freiheit. Die Freiheit, so wie er sie von seiner Heimat Namibia kennt. Wo die nächste Ortschaft 100 Kilometer weit entfernt ist und die Menschen auf ihren Farmen praktisch auf sich allein gestellt sind. „Mit Mecklenburg habe ich es aber eigentlich doch ganz gut getroffen“, sagt Martin Rüchel. Den Blick lässt er über die großen Äcker schweifen, um das Haus seiner Gasteltern, der Familie Zabel – eine Heimat auf Zeit.

Die Ackerfurchen reichen unendlich, scheinbar bis zum Horizont. Die Weite, das ist es, was Martin an seiner Wahlheimat schätzt, und die gute Ausbildung, die er hier erhält. Sein Ziel ist ein landwirtschaftliches Studium, doch das kann er nur mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung starten.

Über die Bürokratie und Vorschriften stolperte er

In Namibia gebe es nichts Vergleichbares, deshalb sei er wieder nach Deutschland gekommen. Und war überrascht. Überrascht von der Bürokratie, den vielen Regeln, Vorschriften und Paragrafen. Überrascht auch von dem Umgang seiner Mitschüler mit den Lehrern. Der sei respektlos, nicht mit Namibia zu vergleichen.

In der seiner Schule wurde er neugierig betrachtetIn seiner Berufsschule im nordwestmecklenburgischen Zierow, wurde er neugierig betrachtet.
Ein Afrikaner – so siehst du gar nicht aus, begegneten ihm seine Mitschüler. Und Deutsch spreche er ja auch wie alle anderen. Und dennoch ist aus dem in Deutschland Aufgewachsenen, in den vielen Jahren in Namibia ein Afrikaner geworden. „All meine Freunde sind Einheimische, weiß- und dunkelhäutig“, sagt er. Auch die landestypische Sprache Afrikaans wurde mehr und mehr auch zu seiner Sprache. Als Weißer wurde er sogar zum Schulsprecher gewählt, das sei ein echter Vertrauensbeweis gewesen. Schließlich werden Weiße in Afrika, auch aufgrund der Kolonialzeit sehr kritisch betrachtet.
Jetzt lebt er wieder auf einer Farm, auch wenn sie mit der seiner Eltern nicht vergleichbar ist.
Gastvater Klaus Zabel hat einen Landwirtschaftsbetrieb. Hier hilft der Gast bei Feldarbeiten, beim Pflügen, Grubbern und in den Ställen. Arbeiten, die er in Namibia nicht lernen kann. Da die Trockenheit in seiner Region keinen Ackerbau zulässt. „Das Leben ist karg und extrem, aber dennoch wunderschön.“ 3000 Schafe und 100 Rinder bilden dort die Grundlage für den Wohlstand seiner Familie.
Er wurde schon von einer Puffotter gebissen
Feuersbrünste, Temperaturen von über 45 Grad Celsius und Schlangen – das sei sein Leben gewesen. Gefährlich, aber unendlich frei. Er wurde sogar schon von einer Puffotter gebissen, von einem Skorpion gestochen und er fuhr mit einem Jeep durch eine Feuerwand. Aber auch hier in Deutschland erlebte Martin Rüchel manch überraschende Situation. Und wenn es nur ein Wildschwein war, das ihm bei der Jagd gegenüber stand. „Da hat man dann doch gewaltigen Respekt“, gibt er zu.
Auch ein Leben in Australien könnte er sich vorstellen Wohin es ihn einmal verschlagen wird, weiß er noch nicht. Australien und Neuseeland wären Traumziele. Doch erst will er noch das Studium anpacken, was er vielleicht auch in Mecklenburg absolvieren möchte. Neubrandenburg oder Güstrow hat er ins Auge gefasst, das Land kenne er nach eigenen Bekunden mittlerweile fast auswendig. Die Großstädte wie Berlin hingegen seien für ihn, den Martin aus Namibia, eine zu fremde Welt.


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