Drohender Medizinermangel? - Neue Praxis in Boizenburg nicht genehmigt

Die Allgemeinmediziner Martin Wentz (links) und Björn Metzlaff können die frisch renovierte Praxis mit rollstuhlgrechter Rampe in Boizenburg vorerst nicht öffnen. Foto: Hans-Dieter Hentschel
Die Allgemeinmediziner Martin Wentz (links) und Björn Metzlaff können die frisch renovierte Praxis mit rollstuhlgrechter Rampe in Boizenburg vorerst nicht öffnen. Foto: Hans-Dieter Hentschel

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17. August 2008, 07:35 Uhr

Boizenburg - Die Wände sind frisch gestrichen, die Böden neu verlegt, die Möbel bereits eingetroffen. Eigentlich wollte Björn Metzlaff die komplett renovierte Praxis mit rollstuhlgerechter Rampe im Boizenburger Stadtteil Bahnhof am 1. September eröffnen. Der 44-jährige Allgemeinmediziner, der seit zehn Jahren in Boizenburg an der Elbe wohnt und bereits eine Praxis im 19 Kilometer entfernten Büchen (Kreis Herzogtum Lauenburg) hat, war auf alles gefasst.

Nur nicht darauf, dass ihm der Zulassungsausschuss für Ärzte in MV im letzten Moment einen Strich durch die Rechnung machen würde. Sein Antrag „zum Betreiben einer Nebenbetriebsstätte in Boizenburg wird abgelehnt“, heißt es in dem aktuellen Schreiben.

Metzlaff schüttelt den Kopf und setzt sich auf seinen neuen Praxisstuhl, der noch mit einer Schutzfolie umgeben ist. „Obwohl es Medizinermangel in Mecklenburg-Vorpommern gibt, werden einem Knüppel zwischen die Beine geworfen, wenn man eine leer stehende Praxis wieder betreiben will“, wundert er sich.

Freie Stellen im Landkreis Ludwigslust
Dabei hat er sich den Schritt, gemeinsam mit seinem schleswig-holsteinischen Kollegen Martin Wentz eine Zweigpraxis in Boizenburg zu eröffnen, gut überlegt. Im Mai gab es dazu erste Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) MV.

„Dort hat man uns signalisiert, dass das alles kein Problem sei“, erzählt Metzlaff. Warum auch? Laut KV gibt es statistisch siebeneinhalb freie Hausarztsitze im Landkreis Ludwigslust. Landesweit könnten derzeit 110 Allgemeinmediziner zusätzlich zugelassen werden. Etwa jeder vierte Kollege ist älter als 60 Jahre.

Wer in diese Lücken stoßen will, muss das nicht zwangsläufig mit einer Niederlassung tun. Es besteht auch die Möglichkeit, eine „übergeordnete Gemeinschaftspraxis“ zu eröffnen – also eine Zweigstelle in einer anderen Region. Voraussetzung: Sie muss eine Qualitätsverbesserung vor Ort mit sich bringen.

Ein Kriterium, das die neue Praxis in Boizenburg nach Meinung von Metzlaff nicht nur wegen des barrierefreien Aufgangs voll und ganz erfüllen würde. Er selbst ist Diabetologe und leitender Notarzt, Martin Wentz Palliativ- und Ernährungsmediziner. Die arbeitnehmerfreundlichen Sprechzeiten haben beide so gewählt, dass sie den Medizinern vor Ort kaum Konkurrenz machen: ab 6.30 Uhr und über die Mittagszeit.

Dennoch scheinen die niedergelassenen Hausärzte vor Ort genau diese Konkurrenz zu fürchten. Sie lehnen Metzlaffs Antrag ab, weil seine Tätigkeit „keine Verbesserung der Versorgung“ mit sich bringe, begründet der Zulassungsausschuss sein Veto. Vorhandene Praxen hätten noch Kapazitäten, heißt es weiter.

„Das ist so, als ob man einen Bäcker mit schlechtem Angebot fragt, ob er damit einverstanden ist, dass sich ein anderer Bäcker in der Stadt niederlässt“, ärgert sich Metzlaff. Diese Kollegen-Meinung dürfe aber gar keine Rolle spielen.

Dazu hat das Sozialgericht Marburg ein Grundsatzurteil gesprochen. „Wir sind im Recht“, betont auch Martin Wentz. Die Mediziner haben postwendend Widerspruch eingelegt, der in den kommenden Wochen bearbeitet werden dürfte.

„Wenn es sein muss, klagen wir auch auf Schadenersatz“, sagt Metzlaff. Die Verträge für die Miete und die drei neuen Angestellten ab dem 1. September hat er bereits unterschrieben. Seine Gesamtinvestition inklusive medizinischer Gerätschaften beläuft sich auf 85 000 Euro.

KV: Versorgung in der Stadt ist gut
Die KV will von einer festen mündlichen Zusage im Vorfeld allerdings nichts wissen. Für sie zähle jetzt die schriftliche Absage des Ausschusses, wie Angela Meyerink von der KV sagt. Dabei gehe es nicht um die Meinung der niedergelassenen Kollegen, sondern um die „nicht ersichtliche Qualitätsverbesserung“.

Zudem sei die Versorgung in Boizenburg gut, so Meyerink. Zugleich räumt sie aber ein: Diese Argumente würden keine Rolle spielen, wenn Metzlaff seine Niederlassung ganz von Büchen nach Boizenburg verlegen würde. „Dann könnte er schon Ende August anfangen und hätte sogar einen Anspruch auf Investitionskostenzuschuss.“ Die Nebenbetriebsstelle sei hingegen „nichts Halbes und nichts Ganzes.“

Kann sich das Land, das einen kostspieligen Notplan gegen Medizinermangel aufgelegt hat, solche bürokratischen Unterscheidungen leisten? „Dafür ist der Gesetzgeber verantwortlich“, wiegelt Meyerink ab.

Für die Patienten macht das allerdings keinen Unterschied. Sie werden vorerst auf die neue Praxis verzichten müssen. Ebenso Boizenburgs Bürgermeister, der das Vorhaben unterstützt habe. Und der Mediziner selbst muss seine persönliche Motivation für die Errichtung der Zweigpraxis wieder zurückstellen: mehr gemeinsame Freizeit mit der Familie.

Derzeit leistet er viele Nachtdienste, auf die er verzichten könnte, wenn er auch Sprechstunden in Boizenburg anbietet. Hintergrund: Sein Budget als niedergelassener Arzt in Büchen ist gedeckelt. Mit der Zweigpraxis könnte er für seine Mehrarbeit auch mehr verdienen. Dafür würde er wiederum keine Zuschüsse in Anspruch nehmen.

Während andere Kollegen Mecklenburg-Vorpommern den Rücken kehren, fühlt sich der gebürtige Hamburger wohl in Boizenburg, wie er sagt. Daran haben offenbar auch die jüngsten Querelen nichts geändert. „Ich bin mir sicher, dass wir eine Lösung finden“, zeigt er sich zuversichtlich. Metzlaff meint es ernst mit Mecklenburg. Der Mietvertrag für die Praxis ist auf 20 Jahre angelegt.

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