Dreidimensionaler "Hingucker"

<fettakgl>Prof. Dr. Hans-Georg Wollert </fettakgl>im neuen Hybrid-Operationssaal,  im Hintergrund die Röntgen-Angiographieanlage. <fotos>karin koslik</fotos>
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Prof. Dr. Hans-Georg Wollert im neuen Hybrid-Operationssaal, im Hintergrund die Röntgen-Angiographieanlage. karin koslik

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07. Juli 2010, 09:21 Uhr

Anklam | Ein Hybridauto ist ein Fahrzeug, das sowohl mit Benzin als auch mit Elektroenergie betrieben werden kann. Was aber ist ein Hybrid-OP?

Gestern wurde am Klinikum Karlsburg ein solcher hoch moderner Operationssaal feierlich übergeben. "In einem Hybrid-OP sind ein komplett ausgestatteter Herz-Operationssaal und ein vollwertiges Herzkatheterlabor vereinigt - und zwar unter höchsten Hygienestandards", erläutert Prof. Dr. Hans-Georg Wollert, Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie in Karlsburg. Nur fünf derartige OPs gäbe es in Deutschland, der Karlsburger sei der erste Hybrid-OP in Norddeutschland - "weder in Berlin noch in Hamburg findet sich Vergleichbares", betont der Herzchirurg.

Simultan diagnostiziert und therapiert

Das Besondere daran sei, dass in einem Raum der höchsten Reinheitsklasse ohne Zeitverzögerung simultan diagnostiziert und chirurgisch auf höchstem Standard therapiert werden kann, ohne dass zusätzliche risikoreiche Transporte erforderlich werden. Der Hybrid-Operationssaal eröffnet dabei nicht nur eine neue Dimension bei der interdisziplinären Versorgung von Patienten: Herzchirurgen, Kardiologen, Anästhesisten, Radiologen und Gefäßchirurgen untersuchen und therapieren gemeinsam. "Zugleich lässt der neue OP ein weit gefächertes Behandlungsspektrum zu, das vom kathetergestützten Herzklappenersatz bis zur Versorgung akuter Aortenerkrankungen reicht", so Prof. Wollert. Dabei kann sowohl minimal-invasiv als auch herkömmlich, also mit Eröffnung des Brustkorbes, operiert werden. Eine Herz-Lungen-Maschine gehört ebenso zur Ausstattung des hochmodernen Operationssaales wie ein Handlabor, in dem die wichtigsten Blutwerte noch während der Operation bestimmt und kontrolliert werden können. Eine spezielle Deckenkonstruktion im Raum sorgt für die Zufuhr eines kontinuierlichen keimfreien Luftstroms, der zugleich die wenigen noch vorhandenen Keime vom Patienten wegdrückt.

Der "Hingucker" schlechthin im Hybrid-OP ist die um 360 Grad drehbare Röntgen-Angiographieanlage, die zur dreidimensionalen Darstellung der Herzkranz- und anderer Gefäße in der Lage ist. Das Gerät aus dem Hause Siemens schlägt die bisher verwendeten Anlagen um Längen: "Es fährt in nur zwei Sekunden um den Patienten herum. Ebenfalls in Sekundenschnelle lässt sich aus den Aufnahmen dann eine Computertomographie des Patienten erstellen", erläutert Prof. Wollert.

Bestechend ist vor allem die Bildqualität - sie ist um ein Vielfaches besser als bei Aufnahmen mit dem herkömmlichen "C-Bogen". Wichtig ist diese präzise Wiedergabe vor allem bei Herzklappenoperationen, die das Gros der Eingriffe im neuen Operationssaal ausmachen werden. Bei dem Verfahren des transapikalen Aortenklappenersatzes, das in Karlsburg zu einem Schwerpunkt des therapeutischen Spektrums ausgebaut werden wird, ist lediglich ein fünf Zentimeter langer Schnitt zwischen zwei Rippen erforderlich. Durch diesen wird über die Herzspitze ein Katheter bis zur geschädigten Aortenklappe geführt. Mit einem Ballonkatheter wird die verengte Aortenklappe dann erst einmal vorgedehnt. Um damit die Prothese exakt platzieren zu können, muss der Ausschlag des Herzens reduziert werden. Bei regulärer Pumpfrequenz - 60 bis 70 Schlägen pro Minute - bewegt sich die Herzklappe etwa 1,5 cm vor bzw. zurück. Zu viel, um die Herzklappenprothese sicher platzieren zu können. Deshalb wird mittels eines Schrittmachers der Herzschlag kurzzeitig beschleunigt, der Ausschlag beträgt dann für wenige Sekunden nur zwei Millimeter. Genau diesen Moment muss der Operateur "erwischen", um den Klappenersatz zu platzieren und zum Entfalten zu bringen - ohne hochauflösende Bilder aus dem Körperinneren wäre das nicht möglich.

Der Eingriff, der etwa eineinhalb Stunden dauert, wird insbesondere bei älteren Patienten angewandt. Eine herkömmliche Operation wäre für die meisten von ihnen, die zudem oft noch andere Erkrankungen haben, zu riskant. Generell werden vor allem Ältere oder Risikopatienten Nutznießer des neuen Hybrid-Operationssaales sein, die für eine Brustöffnung für einen Eingriff nicht mehr in Frage kommt. Vor allem ihretwegen hat sich das Klinikum zur Investition in den neuen OP entschlossen - und ihretwegen hat das Land Mecklenburg-Vorpommern die Investition mit 2,5 Millionen Euro gefördert.

Immer mehr 80-Jährige am Herzen operiert

"Wir müssen uns darauf einstellen, dass nicht nur die Gesamtbevölkerung, sondern insbesondere auch unsere Patienten immer älter werden", betont Prof. Wollert. So stieg der Anteil der über 70-jährigen Patienten, die in Deutschland am Herzen operiert wurden, von 13,4 Prozent im Jahr 1990 auf aktuell 45,5 Prozent. Waren es vor 20 Jahren noch gerade einmal 387 über 80-Jährige, die sich innerhalb eines Kalenderjahres einem Eingriff am Herzen unterziehen mussten, sind es zurzeit - nicht zuletzt dank des medizinisch-technischen Fortschritts - bereits mehr als 9500.

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