Drei Männer bestimmen den G-Punkt

Eigentlich weiß jeder, wie Deutschland aussieht: Hamburg und die Küste im Norden, München und die Berge im Süden. Aber es geht viel genauer – millimetergenau. Derzeit sind 34 Vermessungsteams unterwegs, ihre Mission: Die Lage der Republik neu fassen.

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30. Mai 2008, 11:59 Uhr

Medewege - Der weiße Bus biegt plötzlich rechts von der Landstraße und fährt auf einem Feldweg weiter. Die Steine auf dem Schotterweg schlagen gegen die Reifen. Brauner Staub wirbelt an der Seite hoch. Das Gras in der Wegmitte ist hüfthoch. Dann zieht der Wagen am Rand ins grüne Feld, folgt der gelben Reifenspur auf dem vertrockneten Gras und hält auf einer Anhöhe.

Falko John packt zwei Klappstühle und einen Tisch aus dem Wagen. Die Sonne scheint, der Wind weht leicht – perfektes Wetter für ein Picknick. Was aber aussieht wie ein Ausflug ins Grüne, ist in Wirklichkeit Teil eines geodätischen Großprojekts. 34 Teams sind sechs Wochen in ganz Deutschland unterwegs, um der Republik zur richtigen Größe zu verhelfen. Medewege bei Schwerin ist die zweite Station von Vermessungsingenieur Falko John und seinen beiden Gehilfen. „Ein schöner Punkt, mein lieber Schwan“, sagt der 28-Jährige. Der „G-Punkt“ ist zunächst ein Betonklotz am Boden, mit einer weiß-roten Hinweisstange daneben: „Geodätischer Festpunkt. Beschädigung oder Entfernung werden als Ordnungswidrigkeit verfolgt.“ Fragt sich, wer das Ding im heimischen Wohnzimmer platzieren will.

Auf den kleinen Metallgnubbel kommt es an
Der eigentliche kleine G(eodätische)-Punkt, auf dem es bei dem großen Projekt ankommt, ist ein Metallgnubbel in einem Metallkreis – darauf wird später alles ausgerichtet. Die Messung soll um 17 Uhr beginnen, deutschlandweit gleichzeitig. Auf einem Stativ wartet dann ein GPS-Empfänger auf die Satellitensignale aus dem All, mit denen die genaue Lage und Höhe bestimmt wird.

„Wollen wir Norden schon mal abstecken?“, fragt Messgehilfe Wilhelm Olliges. Kollege Hans-Dieter Rankers kommt mit ein paar Stangen und stellt sich hin. „Ähh... Dieter, Norden ist da“, weiß Wilhelm Olliges. Hans-Dieter Rankers lacht. „Ja, logisch. Da, wo die Sonne steht.“ Die Männer bauen zuerst Sicherungspunkte auf, um später kontrollieren zu können, ob sich das Stativ bewegt. Olliges dirigiert seinen Kollegen mit der Stange. „Du musst noch weiter zu dir, jetzt haben wir hier sieben, dann passt datt nicht mehr.“ Ein paar Schritte und Chef Falko John ist zufrieden. „Jawoll, passt!“
Plötzlich ein silbernes Funkeln am anderen Ende des Feldes. Zwei Autos halten auf die Vermesser zu. Falko John fasst es nicht: „Sind die verrückt – fahren quer über den Acker.“

Quer über den Acker – die Azubis kommen
Die Verrückten haben Signalwesten an. Es ist Gudrun Kopper, Ausbildungsleiterin vom Schweriner Amt für Geoinformation, und ihre Azubis. Die angehenden Vermessungstechniker sollen die Arbeit vor Ort kennenlernen.
Die Vermesser haben inzwischen das Stativ aufgebaut und mit Kabelbindern festgezurrt, ein dreibeiniger gelber Zirkel mit einem Eisenbleistift in der Mitte. Ein Schild am Stativ zeigt, wer Falko John und seine beiden Messgehilfen bei diesem Projekt wirklich sind: „Trupp 20“.

Azubine Christine Schlenker hat den Zettel entdeckt, auf dem die ersten Messwerte für die Sicherungspunkte stehen, viele Stellen hinter dem Komma. „Was kommt noch mal für eine Einheit nach Millimeter?“, fragt sie. Ausbildungsleiterin Gudrun Kopper erklärt: Die Messwerte dürfen bis zu 0,3 Millimeter abweichen – bei der von Falko John durchgeführten Messung sind die Abweichungen noch viel kleiner. „Respekt!“, murmelt der weibliche Messnachwuchs. Dabei hat Christiane Schlenker eigentlich Geografie in Greifswald studiert, die für das Fach nötigen Exkursionen wurden dann aber zu teuer, jetzt lernt die Parchimerin im zweiten Lehrjahr Vermessungstechnik. „Ich find´s toll, ich liebe Zahlen, mag Karten – und ich mag auch die Weste“, sagt die 25-Jährige lachend und streift über ihre orangene Signaljacke. „Aber in den weiten Regenhosen von uns sieht man nichts vom Hintern – da werde ich lieber nass.“
Messgehilfe Hans-Dieter Rankers steht ein paar Meter weiter am Tachymeter, einem Messgerät, und betrachtet durch seine Sonnenbrille die jungen Azubis. Der 64-Jährige ist seit 25 Jahren in dem Job, geht im Dezember in Rente.

Moderne Technik als Jobkiller
„Früher war es eigentlich viel interessanter, da hat man mit dem Maßband einen halben Tag den Punkt gesucht, heute funktioniert alles mit moderner Technik, das hat mit klassischer Vermessung eigentlich nicht mehr viel zu tun. Die neuen Geräte sind Jobkiller. Ich weiß nicht, ob die jungen Leute noch Chancen haben.“ Der Wind weht und verwuschelt sein dunkelblondes Haar.

Die Azubis kennen ihre Perspektiven. Wie sie ihre Jobchancen sehen? Christiane Schlenker zeigt mit dem Daumen nach unten. „Einer vom Außendienst hat uns mal gesagt, man soll nach Norwegen auswandern, da suchen die immer gute Leute aus Deutschland.“

„128, 290...“ Falko John sitzt im Klappstuhl, murmelt Zahlen vor sich hin, schreibt auf, Millizehntel und -hundertstel – die Vermessung des „G-Punktes“ ist Maßarbeit. „Das ist alles Übung, gar nicht so anstrengend“, sagt der Vermessungsingenieur. Schon sein Vater und Onkel waren in dem Beruf tätig. Sein Gesicht ist gebräunt, bei der ersten Station in Potsdam hat er schon die Sonnenseite dieses Projekts gesehen. „Ich bin sonst meist nur im Innendienst; das ist toll, auch mal draußen zu sein.“

Auf dem Klapptisch liegt eine Mappe mit Karten für die Anfahrt und Vorinformationen über Handyempfang, Bodenverhältnisse, Geländeform, Hilfsmittel – nichts wird dem Zufall überlassen. Inzwischen steht auch der GPS-Empfänger, die messingfarbene Scheibe thront auf dem Dreibeiner. Die Anlage kostet rund 30 000 Euro – und sie bereitet dem Team schlaflose Nächte. Denn wenn die Messung beginnt, müssen die Männer jede Stunde die Werte eintragen, alle vier bis fünf Stunden kontrollieren, ob die Höhe des Stativs noch stimmt und niemand das Gerät klaut – 24 Stunden lang. Zwei gehen immer schlafen im Ort, einer muss wach bleiben. Insgesamt misst das Team dreimal an sechs verschiedenen Punkten, die ganze Aktion dauert noch sechs Wochen.

Zehn Tage sehen sie ihre Familien nichtIhre Familien sehen sie zehn Tage am Stück nicht, nächsten Donnerstag ist die erste Pause. „Damit sie einen zu Hause noch erkennen“, scherzt Wilhelm Olliges. Trotzdem sind alle froh, dabei zu sein. „Das ist schon was Besonders, das wird’s die nächsten zwanzig Jahre nicht geben“, sagt Falko John.
Der große Moment ist unspektakulär, Falko John schaltet den Empfänger an, die Messung beginnt. Die anfängliche Vermutung wird doch wahr. Er holt zur Abwechslung kein Messgerät aus dem Bus, sondern Kohle. „So, wollen wir grillen?“

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