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Fleischereien werben mit Standortvorteil : Dioxin-Skandal: Regional zahlt sich aus

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Je länger Bernd Jaenicke, Geschäftsführer des Parchimer Schlachthofes, darüber nachdenkt, desto sicherer ist er sich, dass sein Betrieb am Dioxin-Skandal im Grunde vorbeigeschrammt ist.

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erstellt am 19.Jan.2011 | 07:13 Uhr

Parchim | Je länger Bernd Jaenicke, Geschäftsführer des Parchimer Schlachthofes, darüber nachdenkt, desto sicherer ist er sich, dass sein Betrieb am Dioxin-Skandal im Grunde vorbeigeschrammt ist. Vorbeigeschrammt deshalb, da nicht einer der Mastbetriebe, von denen er seit Jahren sein Schlachtvieh bezieht, Dioxinverseuchtes Futter bei jenem Hersteller in Schleswig-Holstein bezogen hatte. Von dort, wo der Skandal seinen Ursprung hatte. Sechs Wochen ist das her. Mittlerweile herrscht Deutschlandweit Krisenstimmung in Landwirtschaft und Politik, wird eiligst an einem Regelwerk für die Futtermittelindustrie gezimmert. "Die Mastbetriebe und somit auch wir, sind auf die Seriosität der Hersteller angewiesen", sagt Geschäftsführer Jaenicke. "Ich bin überzeugt, dass die vorsätzlich und ganz bewusst gehandelt haben." Der Schweriner Fleischermeister Jürgen Rupnow, der Geschäfte in beiden großen Einkaufscentern der Landeshaupt betreibt, sieht das genauso. "Nur ich nenne das kriminell", sagt er.

Die Schweriner Fleischerei gehört seit vielen Jahren zu den ca. 50 Großkunden in ganz Mecklenburg-Vorpommern, die ihr Fleisch vom Parchimer Schlachthof beziehen. Wie auch etliche Gaststätten. Und ganz offensichtlich zahlt sich der regionale Handel jetzt in der Krise aus. Durchschnittlich 13 000 Schweine jährlich schlachten die Parchimer. Exakt 13104 waren es 2010. Die bekamen Bernd Jaenicke und sein 24-köpfiger Mitarbeiterstamm von der Agrar eG Siggelkow, dem Mastbetrieb Hopman GmbH Wanzlitz, der Agrarprodukte eG Spornitz, von der Schweinezucht Klein Laasch GmbH, dem Gut Herzberg Kruse KG, der Dobbertiner Agrargenossenschaft eG und von der Landwirtschaftlichen Produktion und Absatz e.G. Wessin.

Montags, mittwochs und freitags wird im Parchimer Betrieb, der übrigens seit 1896 an seinem Standort existiert, geschlachtet. Immer nur soviel, wie tags darauf tatsächlich verkauft wird. Und nach der so genannten VVVO - Viehverkehrsverordnung. Die verlangt, dass jedes Schlachtvieh eine Schlacht-Nummer erhält, anhand derer das Fleisch bis zu seinem Ursprung zurückverfolgt werden kann. Verkauft wird es an Fleischer wie Jürgen Rupnow etwa, der einen wöchentlichen Bedarf von etwa 2,5 Tonnen hat. Immer mit dabei Grit Zander, Amtsleiterin des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes des Landkreises mit ihren Mitarbeitern. Das ist Vorschrift. "Bei den lebenden Tieren schauen wir nach dem allgemeinen Status, nach Brüchen, nach Anzeichen medikamentöser Behandlung. Nach der Schlachtung werden Fleischchargen untersucht, etwa auf Radioaktivität, auf diverse Krankheitserreger und auf Gifte wie Dioxin." So eine Dioxinprobe koste 500 Euro, sagt Grit Zander. Und die Kosten explodieren noch, wenn bei Verdacht Nachproben notwendig werden.

Dabei hält sich der Aufwand bei den Parchimern noch in Grenzen. Kein Vergleich zu "Großen", wie Tönnies oder Vion. "Die schlachten an einem Tag soviel wie wir im ganzen Jahr", sagt Jaenicke, den das weniger stört, als das Preisdiktat, das darauf folgt. "Der Einkaufspreis je Kilo Fleisch ist im vergangenen Jahr von 1,35 Euro auf 1,12 Euro gesunken. Da bleibt den Bauern doch am Ende gar nichts mehr. Und Skandale wie jetzt machen etliche Betriebe komplett kaputt.

Auch im Landkreis Parchim waren zeitweise sechs Betriebe vorsorglich gesperrt worden. "Wir haben sie alle aufgesucht und akribische Kontrollen gemacht. Nirgends gab es einen positiven Befund, weshalb die Betriebe längst wieder entsperrt werden konnten", sagt Grit Zander. Skandale in der Lebensmittelbranche, weiß sie, gibt es regelmäßig und wellenartig. "Beim nächsten ist ganz bestimmt wieder die Bio-Schiene dran."

Für Jürgen Rupnow steht auch in diesen Tagen fest, dass er mit seinen Geschäftsbeziehungen zu den Parchimern richtig liegt. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich der Dioxin-Skandal direkt auf unser Geschäft ausgewirkt hat. Die Leute, vor allem die Stammkundschaft kommt und kauft wie immer. Manche fragen auch, woher das Fleisch kommt. Dann sagen wir vom Schlachthof Parchim und mecklenburger Mastbetrieben. Dann sind sie beruhigt, denn die meisten haben den Dioxin-Skandal in den Medien verfolgt und wissen ganz genau, dass nach Mecklenburg-Vorpommern kein belastetes Futtermittel geliefert wurde." Dabei steht Rupnow mit seiner Werbekampagne für regionale Produkte nicht allein. Auch Lübzer und Parchimer Fleischereien machen ihre Kunden vor allem in den aktuellen Krisenzeiten nur all zu gern darauf aufmerksam.

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