Diesen Abschied hat keiner verdient

<strong>Mit Fish-Mac-Torte:  </strong>Zum 23. Geburtstag erhielt Marcel Meyerdiercks eine überdimensional große Variante seines Lieblingsgerichts. <foto>eroll popova</foto>
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Mit Fish-Mac-Torte: Zum 23. Geburtstag erhielt Marcel Meyerdiercks eine überdimensional große Variante seines Lieblingsgerichts. eroll popova

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18. Juli 2010, 05:40 Uhr

schwerin | Es sollte "das stärkste Programm, was wir je in Schwerin aufgeboten haben!" werden. Das hatte Klaus-Peter Kohl, Chef der Hamburger Universum Box-Promotion, für die Champions Night am Sonnabend in der Schweriner Sport- und Kongresshalle - die auf lange Sicht letzte in Mecklenburg, die vom ZDF live übertragen wurde - versprochen. Es wurde ein Debakel: Am Freitag musste WBO-Weltmeister Jürgen Brähmer seinen Fight verletzungsbedingt absagen. Die WM-Ausscheidung im Cruisergewicht zwischen Alexander Alekseev und Denis Lebedev war bereits nach 2 Minuten und 43 Sekunden in der zweiten Runde beendet - schwerer K.o. für Universum-Hoffnung Alekseev.

Und als Krönung musste der letzte verbliebene "Hauptkampf", die Dreifach-WM von Titelverteidigerin Susi Kentikian gegen die Mexikanerin Arely Muciño, nach 27 Sekunden in der dritten Runde beendet: Die Kämpferinnen waren heftig mit den Köpfen zusammengestoßen, Kentikian hatte eine stark blutende Wunde auf dem Kopf. Ringarzt Dr. Christoph Goetz durfte das während des Kampfes nicht behandeln, nähte die Wunde später mit drei Stichen. Im Ring herrschte Konfusion, zunächst wurde ein technisches Unentschieden verkündet. Ein viel zu später Blick in die Regelwerke führte zur "Umwidmung" in "no contest" - als hätte der Kampf nie stattgefunden. "Weil hier drei Verbände beteiligt waren, musste dieses Urteil so lauten", erläuterte Ringrichter Manuel Oliver später. Die erste Version mit dem Unentschieden hätte nur den Regeln der WBA entsprochen, es ging aber auch um die Gürtel von WBO und WIBF…

Eingebettet in diese beiden "Höhepunkte" gab es den Schwergewichts-Vergleich mit Universum-Hoffnungsträger Christian Hammer aus Rumänien und dem Polen Mariusz Wach. Fünf Runden lang verlief der Fight sehr ausgeglichen - dann zeigte sich Wach hellwach: Rechts, links, rechts krachten die Schläge an Hammers Kopf - das wars. Lang schlug der Schützling des Schweriner Trainers Michael Timm auf den Boden, der Ringrichter zählte gar nichts erst, sondern beendete den Kampf sofort.

Entsetzt, enttäuscht und wütend gingen die meisten der etwa 2500 - offiziell sollen es sogar 3500 gewesen sein - nach Hause. Es war gerade einmal 22.30 Uhr, als die sinnbildlichen Lichter ausgingen. Für die Schweriner Sport- und Kongresshalle nur für diesen Abend, für Universum vielleicht für immer. Zumindest in Schwerin. Denn einen weiteren solchen Kampfabend wird sich der Boxfreund nicht bieten lassen, erst recht nicht für Eintrittspreise bis zu 120 Euro.

"Es tut mir unendlich leid für die vielen Fans", sagte Burghard Tiedt vonm örtlichen Ausrichter EM Promotion, "wir sind zutiefst enttäuscht darüber, wie das alles abgelaufen ist. Vor allem über die Qualität der Kämpfe, die hier angeboten wurde. Ich verspreche: Es wird einen neuen Kampfabend um eine WM mit Jürgen Brähmer in Schwerin gehen, dann werden wir das bei den Fans wirtschaftlich wieder gutmachen!"

Dabei hatte alles recht ordentlich angefangen: Afrika-Meister Vikapita Meroro aus Namibia feierte mit einem Punkterfolg gegen den Letten Jevgenijs Andrejevs einen ansehnlichen Europa-Einstand, musste sich vielleicht nur vorwerfen lassen, den Kampf nicht vorzeitig beendet zu haben. Eduard Gutknecht aus Gifhorn machte es - ebenfalls im Halbschwergewicht - kurz gegen den Tschechen Michal Bilak, der wegen eines Cuts nicht mehr zur dritten Runde zugelassen wurde. Und schließlich holte sich der in Schwerin lebende Wismarer Marcel Meyerdiercks im Federgewicht an seinem 23. Geburtstag das erforliche Distanzgefühl, als er gegen den Venezolaner Hermin Isava nach acht Runden klar nach Punkten gewann. "Ich hätte ihn umhauen können. Aber ich möchte im kommenden Jahr Titelkämpfe bestreiten. Die gehen über 12 Runden, und dafür muss ich mir noch mehr Routine aneignen", begründete das Geburtstagskind seine Taktik.

Schade, dass das ZDF diesen Kampf nicht in voller Länge mitgeschnitten hatte, denn so hätte der öffentlich-rechtliche Sender bei seinem insgesamt vorletzten gemeinsamen Abend mit Universum wenigsten einen wirklich ordentlichen Kampf anbieten können. So aber blieb auch bei ZDF-Kommentator Günther-Peter Ploog eine Menge Frust zurück: "So hatten wir uns das nicht vorgestellt, wir wollten hier schon etwas Ordentliches abliefern." Und Ploog macht auch keinen Hehl daraus, dass er den Abschied der Mainzelmännchen aus den deutschen Boxhallen durchaus mit zwei weinenden Augen sieht: "Natürlich muss man die Programmdirektion verstehen: Sie muss kräftig sparen. Das tut man dann nicht bei der Hauspost, sondern bei den wirklich großen Posten. Ich bin darüber sehr traurig, denn die Übertragungen vom Boxen haben für mich auch mit Leidenschaft zu tun, da steckt Herzblut mit drin."

Einen Auftritt wird Ploog noch haben, und erneut spielt ein Mecklenburger die Hauptrolle. Und vielleicht kommt ein bisschen Vorfreude auf den 31. Juli in Hamburg mit ins Spiel, wenn Ploog mit einem Augenzwinkern meint: "Ich kommentiere den Kampf von Sebastian Zbik. Obwohl der eigentlich keine Chance haben dürfte. Schließlich boxt der gegen den Heiland!" So heißt "Zbikers" Gegner in zwei Wochen…

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