"Diese Menschen brauchen Kontrolle und Hilfe"

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09. September 2010, 07:43 Uhr

Berlin | Im deutschlandweit größten Männergefängnis in Berlin-Tegel wird die Entlassung von früheren Straftätern aus der Sicherungsverwahrung mit Hochdruck vorbereitet. "Wir unternehmen einen Kraftakt nach dem anderen, um alles auf den Tag X abzustimmen", sagte der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Ralph Adam. In Berlin sind sieben Gewalt- und Sexualstraftäter von dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte zur Freilassung Sicherungsverwahrter betroffen, sechs davon sitzen im Gefängnis Tegel. Zudem ist einer im Maßregelvollzug untergebracht. "Tag X" meint den Tag, an dem das Landgericht über die Anträge zur Freilassung entscheidet. Noch gebe es keine Termine.

"Wir waren mit den Verwahrten schon draußen und haben sie zu Ämtern und zum Landeskriminalamt begleitet", sagte Adam. Dort seien sie mit ihren Fingerabdrücken erfasst worden, da erneute Straftaten nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden könnten.

Ziel sei, eine gewisse Eigenständigkeit der zwischen 50 und 70 Jahre alten früheren Straftäter zu erreichen und sie schrittweise auf die Freiheit vorzubereiten, betonte Adam. "Sie haben nicht damit gerechnet, jemals wieder freizukommen."

Die Straftäter müssen entlassen werden, weil sie länger als zehn Jahre in Sicherungsverwahrung sitzen, die nach einer regulär verbüßten Freiheitsstrafe beginnt. Die Täter bleiben dann im Gefängnis, wenn sie weiter als besonders gefährlich eingestuft werden. Die zeitliche Begrenzung von zehn Jahren Sicherungsverwahrung in Deutschland war erst 1998 aufgehoben worden. Der Gerichtshof in Straßburg hatte entschieden, dass eine nachträgliche Sicherungsverwahrung rechtswidrig ist.

Die künftige Unterbringung sei geklärt, sagte der Gefängnisleiter. Zwei könnten in ihre Familien zurückkehren, erläuterte Adam. Ein 70-Jähriger, der seit fast 40 Jahren im Gefängnis sitzt, soll in einem Pflegeheim untergebracht werden. Weitere sollen Plätze im betreuten Wohnen - verbunden mit einer Drogentherapie - bekommen. Ein sicherungsverwahrter Sexualstraftäter bleibe im sozialtherapeutischen Bereich. Für die Zeit nach dem Gefängnis seien bereits Bewährungshelfer ausgesucht. "Wir müssen mühsam klarmachen, dass sie zuständig sind." Abzuwarten sei zudem, ob das Gericht noch Auflagen erlässt. "Diese Menschen brauchen Kontrolle und Hilfe - und zwar über einen längeren Zeitraum", betonte Adam. Der Gefängnischef befürchtete, dass "es nicht gelingen wird, dass die Entlassenen anonym bleiben". Er verstehe zwar die Ängste in der Bevölkerung vor den Straftätern. Doch wer seine Strafe abgesessen hat, müsse die Chance auf eine Rückkehr in die Gesellschaft haben.

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