Die Wut wird immer größer

Um einen Kranz und einen Grabstein aus Eis ließen gestern viele Menschen ihrer Trauer freien Lauf. dpa
Um einen Kranz und einen Grabstein aus Eis ließen gestern viele Menschen ihrer Trauer freien Lauf. dpa

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26. Juli 2010, 09:52 Uhr

Duisburg | Trauer und Schock sind längst nicht verarbeitet, die Wut wird immer größer; Nach der Loveparade-Katastrophe mit 19 Toten und hunderten Verletzten gibt es noch immer keine Antworten.

Die Vorwürfe

Es verdichten sich Hinweise, dass Warnungen missachtet und behördliche Vorschriften bewusst aufgeweicht worden sind. Die Stadt Duisburg und der Veranstalter geraten zunehmend unter Druck. Nach Informationen von "Spiegel Online" gab es bei der Planung der Großveranstaltung grobe Sicherheitsmängel. Demnach war der alte Güterbahnhof in Duisburg als Partygelände nur für 250 000 Besucher freigegeben, obwohl die Veranstalter über eine Million Besucher erwarteten. Bemängelt wurde auch, dass der Tunnel, von dem aus die Tragödie mit 19 Toten und 511 Verletzten ihren Ausgang nahm, einziger Zu- und Abgang zum Festival war.

Nach dem Bericht soll der Sachbearbeiter der Unteren Bauaufsicht im Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung in einem Verwaltungsdokument die Organisatoren von der Vorschrift befreit haben, die vorgeschriebenen Breiten der Fluchtwege einhalten zu müssen. Gleichzeitig verzichteten die Beamten auf Feuerwehrpläne.

Zudem ist ein alternatives Sicherheitskonzept für die Loveparade offenbar auch aus Kostengründen verworfen worden. Medienberichten zufolge hatten sich Polizei und Feuerwehr eingesetzt, die Raver großflächiger auf das Veranstaltungsgelände anreisen zu lassen und bauliche Engpässe unbedingt zu vermeiden. Dieses Konzept sei wegen des weitaus größeren Personalaufwands von der Stadtverwaltung abgelehnt worden.

Die Opfer

Einer der Schwerverletzten aus dem tödlichen Gedränge bei einer Unterführung vor dem Partygelände schwebte gestern noch in Lebensgefahr, teilte die Polizei mit. Von den insgesamt 511 zum Teil schwer verletzten Menschen mussten 283 in Krankenhäusern behandelt werden. 42 von ihnen lagen gestern noch in Kliniken, 1138 Gäste galten offiziell als vermisst.

Unter den Opfern befinden sich die spanischen Studentinnen Marta (21) und Clara (22). Die jungen Frauen hatten in Münster ein Jahr lang Englisch und Psychologie studiert. Ihr Erasmus-Aufenthalt ging in der vergangenen Woche zu Ende.

Die Hochschule plant morgen einen Gedenkgottesdienst.

Die Trauer

Die Stadt Duisburg will mit einer Trauerfeier der Opfer der Loveparade gedenken. Ein Termin steht nach Angaben von Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) noch nicht fest. Im Duisburger Rathaus wurde gestern ein Kondolenzbuch ausgelegt. Am Unglücksort versammelten sich gestern trotz Dauerregens immer wieder Menschen, stellten Teelichter ab oder legten Blumen nieder. An den Eingängen des Tunnels lagen Trauerbekundungen.

Die Experten

"Ich habe vor einem Jahr Duisburg als ungeeignet für die Loveparade abgelehnt und bin dafür als Spaßverderber und Sicherheitsfanatiker beschimpft worden", sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Rainer Wendt. "Aber die Verantwortlichen waren besessen von der Idee, etwas für diese gebeutelte Stadt zu tun. Ich bin alles andere als glücklich darüber, nun leider auf diese Weise bestätigt worden zu sein." Der NRW-Vorsitzende der Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, sagte, "Polizei und Feuerwehr haben viel Erfahrung mit Großveranstaltungen. Praktisch nichts wurde umgesetzt".

Die Zahl der Toten und Verletzten bei der Massenpanik hätte aus Expertensicht viel größer sein können. "19 Tote sind, so tragisch sie sind, nicht viel, wenn Tausende versuchen, durch einen Tunnel zu drängen", sagte der Kieler Katastrophenforscher Martin Voss. "Wenn das entscheidende Nadelöhr dicht ist, ist alles möglich."

Die Konsequenzen

Die Ermittlungen der Duisburger Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung stünden noch am Anfang, sagte Staatsanwalt Rolf Haverkamp in Duisburg. "Es haben sich jede Menge Zeugen gemeldet, die werden alle vernommen." Um Befangenheit bei den Ermittlungen zu vermeiden, wird die Duisburger Polizei "die Ermittlungen an eine andere Polizeibehörde abgeben", verkündigte ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums.

Gegen Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland, leitende Beamte und die Veranstalter erstattete der ehemalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner Anzeige. Diese Veranstaltung hätte in Duisburg nie realisiert werden dürfen. Wenner hatte 2009 als Polizeipräsident die für Bochum geplante Loveparade abgesagt. Adolf Sauerland ver kündete indes, vorerst im Amt bleiben zu wollen.

Die Katastrophe wird nach der Sommerpause im nordrhein-westfälischen Landtag aufgearbeitet. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund will die Sicherheitsstandards für Großveranstaltungen überprüfen.


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