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Andreas Baeseler bringt „Der Bettelstudent“ von Carl Millöcker zurück : Die vitale Ausgestorbene

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Der "Bettelstudent" ist zum Mitsingen für Senioren: "Ach, ich hab; sie ja nur auf die Schulter geküsst;" Noch kennen sie auch "Ich knüpfte manche zarte Bande;" Doch gibt es Operette in 50 Jahren noch?

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erstellt am 19.Jan.2011 | 11:33 Uhr

Auf der Frühjahrsmesse ist Gräfin Nowalska mit beiden Töchtern beim Shoppen. Bronislawa - "noch gar nicht dejeuniert!" - hat Appetit, doch die Mutter belehrt sie standesgemäß: "Den Hunger spürt nur die Canaille und nur der Pöbel isst sich satt." So klingt es hochgeboren, wenn die Taschen leer sind. Die Tüten, die Diener Onuphrie schleppt, als wären sie schwer, sind ebenfalls leer. "Du musst sie auf den Boden stellen, als wäre Blei drin", ruft der Regisseur zur Bühne hoch, "als ob sie dich runterzögen". Wiederholung, Wiederholung. Bis alles passt, ist eine Inszenierung auch ein Puzzle. Nur darf die Nähte später keiner sehen. Andreas Baesler probiert für Carl Millöckers Operette "Der Bettelstudent" am Mecklenburgischen Staatstheater. Aktuelle Liedzeile der Titelfigur: "Ich setz; den Fall, dass von Millionen keine Spur;"

Operette, das Lustige, das schwer zu machen ist? "Das fast unmöglich zu machen ist, aber immer wieder spannend, es zu versuchen", wird Baesler im Gespräch das Vergnügen von Uropa lachend kommentieren. Erst aber muss noch eine Ohrfeige probiert werden: von vorn, von hinten, rechts oder links? Es dauert, bis sie effektvoll sitzt; keine leichte Arbeit.

Seit Jahren siegt das Musical, was will, was kann die Operette noch? Baesler ist in Berlin aufgewachsen, hat in Münster Literaturwissenschaft und Publizistik studiert und Regie an der Essener Folkwanghochschule, inszenierte zwischen Hamburg, Luzern, Linz, Toronto und Havanna Oper. Sachliche Antwort: "Das eine schließt das andere nicht aus, und manche Operetten wie der Bettelstudent sind so gut gebaut und noch vital, dass sie reizvoll sind für den Spielplan."

Der Regisseur will seine Inszenierung anlehnen an den Lubitsch-Film "Sein oder nicht sein" von 1942 und an Chaplins "Der große Diktator" von 1940.

Was bedeutet das für den Operettenklassiker, der original 1704 in Krakau spielt, als August der Starke dort König war? "Der Text und die Situationen bleiben erhalten", baut der Regisseur der Skepsis vor und erläutert: "Als das Stück 1882 in Wien herauskam, war die Militarismus-Parodie, die darin eine wichtige Rolle spielt, aus österreichischer Sicht auf Sachsen und Preußen gerichtet. Gute Operette war immer auch Zeittheater. Der Anknüpfungspunkt zum Kern dieser Geschichte heute bietet sich in der Tatsache, dass Polen leider nicht nur von August dem Starken besetzt wurde. Die genannten beispielhaften Filmkomödien zeigen, wie man mit einem so ernsten historischen Vorgang wie dem jüngsten deutschen Überfall locker umgehen, das Desaster ironisch brechen, Militarismus satirisch angehen kann. Dabei wird die Substanz des Werkes gewahrt, aber der Assoziationsraum zeitgemäß erweitert."

Und die Musik, kommt die Ironie, die in Zellers Melodien auch steckt, der Regie-Absicht entgegen? Baesler hat keinen Zweifel: "Ja, die Musik ist großartig, der Komponist hat quasi Kommentare zur Szene geliefert. Man ist gut beraten, darauf zu vertrauen."

Der "Bettelstudent" ist zum Mitsingen für Senioren: "Ach, ich hab; sie ja nur auf die Schulter geküsst;" Noch kennen sie auch "Ich knüpfte manche zarte Bande;" Doch gibt es Operette in 50 Jahren noch? Andreas Baesler will nicht orakeln. Allerdings: "Im Vergleich zu dem, was sie einmal war, ist Operette schon ausgestorben. Exemplarische Werke aber werden wohl lebendig bleiben. Und wenn man nicht den altbackenen Zugang wählt, sind vielleicht auch die Generationen dafür zu interessieren, die in anderen Rhythmen leben."

Beim "Bettelstudent" also könnte mancher Schul- oder Lehre-Abbrecher schon mal üben: "Ich hab kein Geld, bin vogelfrei, will aber nicht verzagen. Du, Jugendleichtsinn, steh mir bei, mein Schicksal zu ertragen."

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