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Norweger erlebte das Grauen auf Utoja in Kuhstorf am Fernsehen : Die Trauer eines Norwegers

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22. Juli 2011 - dieses Datum wird Tor Eric Dahlsrud nie vergessen. Als er am Abend den Fernseher im norwegischen Hotel einschaltet, kann der Programmierer kaum fassen, was er auf dem Bildschirm sieht.

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erstellt am 28.Jul.2011 | 05:40 Uhr

Kuhstorf/Ludwigslust | 22. Juli 2011 - dieses Datum wird Tor Eric Dahlsrud nie vergessen. Als er am frühen Abend dieses Tages den Fernseher im norwegischen Hotel einschaltet, kann der Programmierer kaum fassen, was er auf dem Bildschirm sieht: Blutüberströmte Menschen, zerstörte Häuser, gesplittertes Glas. Von einem Anschlag in Oslo spricht der Kommentator, von einem Toten und vielen Verletzten. Dahlsrud ist geschockt. Doch von Stunde zu Stunde kommen mehr Details ans Licht. Plötzlich ist die Rede von Dutzenden toten Jugendlichen auf der Insel Utoja. Das Fernsehen zeigt Leichen am Strand, Tote im Wasser, zitternde Überlebende. In allen Gesichtern steht Angst geschrieben.

Erst kam das Sehen, dann das Verstehen

Dahlsrud, der mit seiner Frau Evelyn in Kuhstorf im Landkreis Ludwigslust wohnt und gerade vier Tage lang seine Eltern in der südnorwegischen Stadt Drammen besucht, versteht nur langsam, dass sich vor seinen Augen eine nationale Tragödie abspielt, wie sie Norwegen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt hat. Keine 40 Kilometer liegt das Hotel von der Insel Utoya entfernt. Dahlsrud kennt das Gebiet gut. An der Insel ist er jahrelang auf dem Weg zur Arbeit vorbeigefahren. Dass sich im vertrauten Umfeld, in der natürlichen Idylle plötzlich die Fratze des Terrors zeigt - Dahlsrud ist fassungslos. "Es kam mir sehr nah vor", sagt er und schaut aus dem Fenster in den Garten hinaus. Der Schock sitzt tief.

Die norwegischen Medien kritisieren aktuell das späte Eintreffen der Polizei am Ort des Amoklaufs. Dahlsrud hingegen verteidigt die Polizei: "Ich kenne die Geographie und das Gebiet, deshalb verwundert es mich gar nicht, dass die Spezialtruppe erst nach einer Stunde auf der Insel eintraf." Norwegen, das sei ein großes Land mit wenigen Menschen. In einigen Regionen könne es mitunter Stunden dauern, bis Hilfe eintrifft. Immerhin ist Norwegen mit knapp 385 000 Quadratmetern flächenmäßig größer als Deutschland, hat aber nur rund fünf Millionen Einwohner.

Mit einem Anschlag allerdings hatte der Norweger schon lange gerechnet. Nachdem einige norwegische Zeitungen die umstrittenen Mohammed-Karrikaturen veröffentlicht hatten, glaubte er jedoch eher an einen Terroranschlag aus dem islamistischen Spektrum. Dahlsrud denkt, dass die Sicherheitsmaßnahmen nun verschärft werden. "Ich kann das verstehen, hoffe aber, dass aus Norwegen kein Überwachungsstaat wird", so der Wahl-Kuhstorfer. In Norwegen werde die Freiheit als besonders großes Gut angesehen. "Und das sollte auch so bleiben", sagt Dahlsrud. Noch etwas Beeindruckendes sagt der Norweger: "Trost ist wichtiger als Rache." Trotzdem ist er dafür, dass Attentäter Anders Behring Breivik hart bestraft wird. "Wenn ein Mensch so etwas tut, dann ist er offenbar gestört und bleibt eine Gefahr", meint Dahlsrud.

Der 22. Juli ist für Norwegen, was für die Vereinigten Staaten und die ganze Welt der 11. September ist. Dahlsrud spricht von einem "Wendepunkt in der Geschichte Norwegens". Ein Datum des Grauens, ein Datum für die Ewigkeit. Es gibt Daten, die vergisst man nicht: Den eigenen Geburtstag, den Hochzeitstag. Für Tor Eric Dahlsrud kommt ein Datum der Trauer hinzu: Freitag, der 22. Juli 2011.

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