Die Streikwelle rollt weiter

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06. März 2008, 09:03 Uhr

Mit Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sprach Rasmus Buchsteiner über den Maga-Streik, die Lokführer, Stellenabbau und Steuerflüchtlinge.

Eskalation in den Tarifkonflikten bei der Bahn und im Öffentlichen Dienst: Droht eine Mega-Streikwelle?

Sommer: Wir nehmen das Mittel des Streiks sehr verantwortungsvoll wahr. Natürlich ist niemand begeistert, wenn morgens der Bus nicht kommt, die Mülltonnen nicht geleert werden oder es Wartezeiten am Flughafen gibt. Aber es gibt in der Bevölkerung sehr viel Rückendeckung und Verständnis dafür, dass sich die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst wehren und ihren gerechten Anteil am Aufschwung einfordern. Wenn die Arbeitgeber ein vernünftiges Angebot auf den Tisch legen, sind die Warnstreiks schnell wieder vorbei. Wenn nicht, werden die zuständigen Gremien der Gewerkschaften über weitere Maßnahmen entscheiden.

Wie viel Verständnis haben Sie als DGB-Chef für die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und ihre Forderungen?
Sommer: Das ist der Versuch einer Mini-Gewerkschaft ihre egoistischen Organisationsinteressen auf Kosten anderer durchzusetzen. Gegen diese Solo-Nummer steht das gemeinsame Vorgehen von Verdi, GEW, GdP und Beamtenbund in der Tarifrunde des Öffentlichen Dienstes. Das ist der erfolgreiche Gegenentwurf zur GDL. Herr Schell und seine Mitstreiter sollten sich einreihen in die Solidarität mit den übrigen Bahn-Gewerkschaften.

Massiver Stellenabbau bei Konzernen wie Nokia, Siemens und BMW: Ein Indiz für das Ende des Aufschwungs?

Sommer: Wenn Firmen trotz hoher Renditen Stellen streichen, ist das unmoralisch. Was bei Nokia und anderen geschieht, zeigt einen Werteverfall in der Wirtschaft. Wenn die Managergehälter im Schnitt um 14,5 Prozent steigen, die Arbeitnehmer aber mit Entlassungen bedroht werden, stimmt etwas nicht in Deutschland.

Was wollen Sie dagegen unternehmen?

Sommer: Die Steueraffäre mit dem Fall Zumwinkel hat gerade erst wieder gezeigt, dass die Debatte über Moral in der Wirtschaft überfällig ist. Es gibt viele, die in Deutschland gut verdienen, sich aber partout nicht am Gemeinwesen beteiligen wollen. Wir müssen über Fälle wie den von Michael Schumacher sprechen, der sein Millioneneinkommen nicht in Deutschland versteuert. Oder über Herrn Ackermann von der Deutschen Bank, der sich jetzt vom Täter zum Richter in Fragen der Managermoral aufschwingt. Bei den Großverdienern und in der Wirtschaft ist viel Heuchelei im Spiel. Hier wird öffentlich Wasser gepredigt und heimlich Wein getrunken.

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