Die Spuren täuschen nicht

Er ist da, der Wolf – ob als Grenzgänger aus dem Mecklenburgischen oder sogar als „Einheimischer“ im Norden der Prignitz. Zwölf mit Kehlbiss getöte und seitlich aufgerissene Schafe, die der Poreper Schäfer Hartwig Stockfisch am Wochenende auf seiner Weide fand, dürften kaum die Beute streunender Hunde gewesen sein.

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16. Oktober 2008, 06:07 Uhr

Porep - „Wir stießen am Wochenende mehrmals nahe Porep (Amt Putlitz-Berge) auf wolfsartige Spuren“, erfuhr der „Prignitzer“von Jens Teubner, Biologe und Mitarbeiter des Landesumweltamtes. Bereits im Sommer seien Wildbiologin Yvette Krummheuer von der Fachhochschule Eberswalde und der Wolfsbeauftragte Andreas Hagenguth aus Berge Hinweisen zu einer möglichen Existenz von Wölfen nachgegangen, allerdings ohne eindeutige Erkenntnisse, erzählt Teubner. Auch Fotofallen mit Infrarottechnik hätten keine Ergebnisse gebracht. Knackpunkt war, dass es für die Jännersdorfer Heide als Privatfläche eine Betretungsverbot gibt und die Beobachtungen damit lückenhaft blieben. „Nach den Vorfällen der vergangenen 14 Tage, als wiederholt bei Porep Schafe gerissen wurden, war nach den Schadensbildern ein Wolf nicht mehr auszuschließen“, so der Diplombiologe. Bestätigt wurde das jetzt durch besagte Wolfsspuren, und zwar dort, wo Hartwig Stockfisch die toten Schafe fand.

Mit Zaun und Flatterband das Tier vergrämen
Seit Sonntag seien Mitarbeiter des Landesumweltamtes, die Wildbiologin und Andreas Hagenguth in der Wolfsregion, erzählt Jens Teubner. Auch Doris Reumuth, Artenschutzbeauftragte für Säugetiere beim Amt für Forstwirtschaft Kyritz, und Karsten Neumann, Revierförster in Krempendorf, nehmen sich des Sachverhaltes an. So half der Förster dem Schäfer, den Zaun zur optischen Vergrämung des Wolfs mit Flatterbändern zu versehen. Gestern sollte Hartwig Stockfisch über das Landesumweltamt ein 1,10 Meter hoher Netzzaun zur Verfügung gestellt werden, der sowohl oben wie auch in Erdnähe stromführend ist und den Wolf abhalten soll, auf die Schafweide zu gelangen.

Wolfs-Hinweise gibt es ebenfalls aus Mecklenburg, allerdings sind es keine gesicherten Nachweise. „Wölfe können in einer Nacht bis zu 30 Kilometer laufen“, merkt Teubner an. Grundsätzlich sollten die Netzzäune unter Strom stehen und mit einem Flatterband versehen werden, rät Jens Teubner. Hält jemand privat Schafe in „gefährdeten“ Gebieten, sollte er die Tiere nachts in den Stall holen oder ein Pferch mit Untergrabschutz haben.

Für Schäfermeister Hartwig Stockfisch sind die Wolfsattacken mehr als ein Ärgernis. Dreimal drang Isegrim bisher in die Schafskoppel bei Porep ein. Insgesamt verlor der Schäfer bereits 40 Tiere. Sie wurden getötet oder schwer verletzt. „Wenn das so weiter geht, ist mein Betrieb bald in seiner Existenz bedroht“, sagt Stockfisch, der sich einem ungleichen Gegner gegenüber wähnt. Allerdings ist die Prignitz nicht erst seit gestern Wolfsgebiet. 1993 wurde der erste Wolf in der Prignitz nachgewiesen, sagt Professor Matthias Freude, Leiter des brandenburgischen Landesumweltamtes.

Der Wolf ist europaweit streng geschützt und darf nicht gejagt werden. Einen solchen Vorfall gab es 1997 in der Prignitz, als im Grenzgebiet zu Mecklenburg ein Jäger aus den alten Bundesländern einen Wolf erlegte. Er verlor umgehend seine Jagdlizenz, so Freude. Sicher sei, dass es in der Region um Porep einen Wolf gibt. Es wurde unter anderem Kot gefunden, der nun in einem Labor analysiert werden soll. „Am Ergebnis können wir feststellen, ob es sich um ein Tier aus Brandenburg handelt oder um einen direkt aus Polen eingewanderten Wolf“, so Freude.

Dem Chef des Landesumweltamtes gefallen Bilder von getöteten Schafen auch nicht. Dem ließe sich aber nur mit den genannten Maßnahmen begegnen. „Im Grunde kann der Wolf nichts dafür. Das ist ein angeborener Instinkt. Denn in der freien Wildbahn schlägt er ein Beutetier, wenn sich in der Nähe ein zweites befindet schlägt er auch dieses. Dann ist der Rest der Tiere aber bereits geflohen. Auf einer Schafkoppel geht das nicht. Also greift der Wolf so viele Tiere an, wie sich in der Nähe befinden, um Beute auf Vorrat zu machen. Das ist auch für den Wolf gefährlich, weil die Schafe ihn schwer verletzen können“.

Schafe notfalls mit Hunden bewachen
Im Landesumweltamt geht man jetzt von einem „Revierwolf“ aus, der hier auf einen Partner wartet. Wie lange er sich hier aufhalten wird, könne nicht gesagt werden. Auch zu den Spekulationen ob es sich um ein oder zwei Tiere handelt sei man noch nicht aussagefähig. „Wir müssen warten bis der erste Schnee fällt, dann können wir an Hand der Spuren mehr feststellen“, sagt Freude.
Allerdings brauche sich Schäfer Stockfisch keine Sorgen um seine Tiere oder seinen Betrieb machen. Die Zahlungsanweisung für den ersten Übergriff sei bereits unterschrieben, auch weitere Hilfen werde es geben. Sollten Zäune und Flatterband nicht helfen, könnte auch auf Herdenschutzhunde zurückgegriffen werden. Sie werden speziell ausgebildet, in Polen und auch in Sachsen bereits eingesetzt. Selbst im Kaukasus bewachen Hunde die Schafe. „Es ist, denke ich, kein Fall bekannt, bei dem Schafe gerissen wurden, wenn ein Hund sie bewachte“, sagt Freude und ergänzt: „Wir wollen Frieden mit Schäfern und Jägern und dem Wolf ein sicheres Leben in Brandenburg ermöglichen. Er gehört einfach in diese Landschaft".

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