Die rollende Lawine

Gibt es in Zukunft noch mehr „Elefantenrennen“? Bis 2025 soll der Güterverkehr auf der Straße um 55 Prozent steigen – doch schon jetzt geht an vielen  deutschen Autobahnen  nichts mehr. Foto: dpa
Gibt es in Zukunft noch mehr „Elefantenrennen“? Bis 2025 soll der Güterverkehr auf der Straße um 55 Prozent steigen – doch schon jetzt geht an vielen deutschen Autobahnen nichts mehr. Foto: dpa

Nicht immer geht es auf der Autobahn schnell vorwärts, denn langsame Lkw mühen sich auf dem Weg zu ihrem Ziel. Staus und Unfälle sind die Folge. Und es wird noch schlimmer: Bis zum Jahr 2025 steigt der Lkw-Güterverkehr nochmal um 55 Prozent, so eine Prognose. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern fehlt es an Parkplätzen für die Lkw-Fahrer, die unter Zeitdruck die gesetzlichen Lenkzeiten oft um Stunden überschreiten. Auch die Bahn kann den Ansturm nicht abfangen: Zu unpünktlich und unflexibel, klagen Spediteure.

von
16. Juli 2008, 11:01 Uhr

Schwerin/Rostock - „Der Straßengüterverkehr wächst beim Transportaufkommen um 55 Prozent“, heißt es in der „Prognose der deutschlandweiten Vekehrsverflechtungen 2025“ für das Bundesverkehrsministerium. Unfälle, Staus – schon jetzt gibt es mit den Lkw viele Probleme. Bundesweit geht jeder fünfte Tote auf der Autobahn auf das Konto des Schwerlastverkehrs.

Fahrer sitzen bis zu 13 Stunden am Steuer
Größtes Problem: Die Fahrer sitzen zu lange am Steuer, teils bis zu 13 Stunden pro Tag. Erlaubt sind neun. Die Polizei hat es schwer, die Vergehen aufzudecken. Seit 2006 werden die Fahrdaten auf einem digitalen Fahrtenschreiber dokumentiert – und die Polizei hat nicht genügend Geräte für flächendeckende Kontrollen, sagt Michael Harnack von der Autobahnpolizei Wismar. „Das ärgert uns natürlich, dass uns die Technik da voraus ist.

Dass die Lkw-Fahrer zu lange auf der Straße sind, liegt teils auch daran, dass sie keine geeigneten Rastplätze finden. Viele Brummifahrer stellen ihr Gespann auf den überfüllten Rastanlagen notgedrungen auf Pkw-Stellplätzen, Fahrbahnen oder Zufahrten ab. MV musste schon nachrüsten: Seit Februar wurden noch nicht fertige und verpachtete Rastplätze notfallmäßig geöffnet und zum Beispiel schon mobile Toiletten aufgestellt, damit die Trucker die Plätze nutzen können.

In ganz Deutschland fehlen rund 18000 Stellplätze
„Um 21, 22 Uhr sind viele Parkplätze schon dicht, da gibt es eine große Diskrepanz“, sagt Sylvia Sapich von der Schweriner Außenstelle des Bundesamtes für Güterverkehr. Bundesweit fehlen an den Autobahnen noch rund 18000 Stellplätze. Und gerade jetzt zur Ferienzeit dürfte an vielen Rastplätzen der Kampf um den Platz ansteigen.

Der Grund für den Verkehrsanstieg: Die Wirtschaft, vor allem in den östlichen EU-Staaten wie Polen, boomt. 2010, so eine Prognose, sind 40 Prozent der Lkw aus dem Ausland. 2004 wurde die A20 an Polen angeschlossen. Noch gibt es auf den Autobahnen in MV wenige Staus. „Wir sind relativ gut ausgestattet und haben noch erhebliche Kapazitäten“, sagt Verkehrsexperte Klaus Breitzmann. Doch wie sich Tausende Lkw mehr auswirken werden, kann keiner genau sagen – oft treten die erwarteten Prognosen schon Jahre früher ein, auch was die Abnutzung der Straße angeht. „Ein Pkw schädigt eine Autobahn kaum, das meiste kommt vom Schwerlastverkehr“, sagt Rudi Bull-Wasser, stellvertretender Leiter Straßenbautechnik der Bundesanstalt für Straßenwesen. Wenn heute eine Straße geplant wird, soll sie mindestens 30 Jahre halten – der Verkehr wächst jedoch so stark, dass die Vorhersagen schnell überholt sind.

„Wir müssen mit dem leben, was da ist“
Historisches Beispiel: Durch den Fall der Mauer waren die Verkehrswege im Osten schlagartig unterdimensioniert. „Der Zustand der deutschen Autobahn ist besser als ihr Ruf, aber nicht in dem Zustand, in dem wir ihn gerne hätten“, sagt Rudi Bull-Wasser. Man müsste mehr sanieren, doch, wie so oft, fehlt es an Geld. „Wir können nun mal nicht alles ausbauen und müssen mit dem leben, was in den letzten Jahren gebaut wurde. Wir werden der Entwicklung immer ein bisschen hinterherlaufen.“

Dabei ist Deutschland als Exportweltmeister angewiesen auf einen funktionierenden Güterverkehr. „Investoren kommen nur bei einer guten Infrastruktur“, sagt Ulrich Vetter vom Verkehrsministerium MV. Um die zu locken, rief man im Oktober 2007 die „Logistikinitiative MV“ ins Leben, einen Verein aus Vertretern von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Besonderer Vorteil von MV sei die staufreie Hinterlandanbindung.

Die Autobahnen werden voller, viele rufen nach einer Verlagerung von mehr Güterverkehr auf die Schiene. Doch die Bahn hat auch hier dasselbe Problem wie im Personentransport: Pünktlichkeit. „Wir würden gerne mehr mit der Bahn machen, aber derzeit kommen im kombinierten Verkehr – also mit mehreren Verkehrsmitteln – nur 80 Prozent der Züge pünktlich. Der Kunde erwartet pünktliche Lieferung, es kann nicht sein, dass sich die Bahn dieser Qualität entzieht“, sagt Heiner Kogge vom Deutschen Speditions- und Logistikverband. Dabei sei der Verband gegenüber den Verkersmitteln neutral, man ist selber an Schienenunternehmen beteiligt.

„Es ist noch Platz auf der Schiene“, sagt Gelfo Kröger von der Deutschen Bahn. „Aber man muss auch klar sehen, dass zum Beispiel die Mengen im Hinterlandverkehr so gewaltig sind, dass es die Schiene alleine nicht tun wird.“ Das Problem auch hier: Die Bundesregierung muss mehr in das Schienennetz und Rangierbahnhöfe investieren. Die Bahn selber experimentiert z.B. mit extralangen Güterzügen, erlaubt ist derzeit eine Länge von 700 Metern.
Und trotz steigender Spritkosten und Lkw-Maut ist der Transport über die Straße oft noch günstiger als über die Schiene – wenngleich die ersten Spediteure an den massiven Kosten pleite gegangen sind und die Branche vor dem möglichen Verlust von bis zu 60000 Arbeitsplätzen klagt.

Eine Stunde Stau kostet den Spediteur 60 Euro
„Das Geld rinnt den Spediteuren durch die Finger, eine Stunde im Stau kostet 50 bis 60 Euro“, sagt Heiner Kogge. „Wenn die Infrastruktur nicht deutlich ausgebaut wird, werden wir unsere Rolle als Logistik-Drehscheibe in Europa verlieren.“ Die Politik habe ihr Versprechen gebrochen, mit den Maut-Einnahmen aus den vergangenen Jahren in die Infrastruktur zu investieren.

Eine Ursache für das Problem des Güterverkehrs liegt auch im Konsumverhalten der Menschen, weiß auch Rudi Bull-Wasser. „Es ist eine Frage der Notwendigkeit, ob man z.B. an der Küste Mineralwasser aus dem Süden braucht – aber solange ein Markt dafür besteht, wird es so bleiben.“ Und die Lage auf den Autobahnen schlimmer werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen