„Die Müritz hält uns jung“

Kurt und Ursula Spehlbrink sind vor 13 Jahren von Niedersachsen nach Ostdeutschland gezogen und waren seitdem nicht mehr erkältet. Sie gehören zu der großen Gruppe von Senioren aus den alten Ländern, die es auch wegen des gesunden Klimas auf die andere Seite des Nordens zieht. Sie engagieren sich ehrenamtlich und sind bereit, Geld für ihre Gesundheit auszugeben, hat eine Greifswalder Zuwandererstudie herausgefunden. Jetzt will eine neue Studie erkunden, wie sich noch mehr Touristen und Einwanderer in den Osten locken lassen.

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26. März 2008, 08:25 Uhr

„Die Schuhe können Sie ruhig anlassen.“ Ursula Spehlbrink lächelt. „Wir haben uns immer gewundert, dass hier alle nur auf Strümpfen in die Wohnungen gehen. Das kannten wir nicht.“ Manchmal verraten Gebräuche die Herkunft.

Ursula Spehlbrink, 69, hat sich an die Ostsitte gewöhnt. Ihr Mann Kurt, ein Postbeamter, ist gerade pensioniert, als sie 1995 aus dem niedersächsischen Sulingen nach Waren an der Müritz kommen. Tochter Gyde hat hier eine neue Arbeit angenommen, ohne ihre Eltern hält sie es in der Fremde nicht aus. Kurt und Ursula Spehlbrink ziehen ihr und den Enkelkindern hinterher.

Die Freunde im Kegelverein sind traurig, die Schützenkollegen von Kurt Spehlbrink schlagen die Hände über dem Kopf zusammen: Wer baut denn sein Haus mit Teich und Apfelbaum aus, um es dann abzustoßen?

Zumal sich die abtrünnigen Kegelfreunde dort niederlassen, wo die Ost-Bürger in Größenordnung flüchteten. In der Platte. Zehngeschosser, grau-braun, mitten im Neubaugebiet Waren-West. „Wir wollten im Alter keinen Stress mehr mit dem Haus haben“, sagt Kurt Spehlbrink. Der 72-Jährige hat den Kopf nach unten gesenkt und dreht an den Knöpfen seiner blauen Weste. „An einem Haus muss man immer was machen.“ Langsam blickt er nach oben, atmet durch: „Das müssen wir nicht mehr haben.“ Jetzt haben sie die Sparkasse im Haus, zwei Supermärkte quer gegenüber, vom Balkon aus kann man die Praxis des Hausarztes sehen. Und die Bewohner in der 10. Etage halten zusammen: Im Flur vor dem Aufzug hat die Gemeinschaft einen Blumenstrauß hingestellt. Mittags legt die Nachbarin den Spehlbrinks die Zeitung vor die Tür.

Die Niedersachsen sind nicht alleine nach Waren gekommen. Im vergangenen Jahr hat die Stadt Einwohner sogar hinzugewonnen. Zur positiven Bilanz trug die Altersgruppe 55plus maßgeblich bei. Auch im ganzen Land haben die zugezogenen Senioren seit Jahren ein Übergewicht zu denen, die den Nordosten verlassen. Sie kommen aus Pforzheim oder Passau, schätzen gute Luft und Klima und sind bereit, Geld für Fango-Packungen oder Aquasport auszugeben. Das hat neulich eine Zuwandererstudie des Greifswalder Transfernetzwerks Community Medicine ergeben.

Die Macher an der Müritz haben erkannt, dass sie nicht nur mit Bootsfahrern und Anglern Geld verdienen können. Die Stadt will im Gesundheitstourismus in der ersten Liga mitspielen und von dem Kuchen naschen, der nach Meinung von Wirtschaftsexperten immer größer wird. Das Land sieht sich auf dem direkten Weg zum Gesundheitsland Nr. 1. Demnächst soll Waren – jetzt schon mit dem Titel Luftkurort geadelt – auch noch Soleheilbad werden. Bedeutet: Mehr Urlauber und noch mehr Einwohner.

Soleheilbad. „Das ist nicht bloß Gurkenscheiben auf die Augen legen“, sagt Günter Rhein. Er sitzt in der dritten Etage eines der gläsernen Verwaltungsgebäude am Amtsbrink, und ist Bürgermeister der Stadt.

Abgesenkte Gehsteige, ein gut ausgebautes Busnetz? „Das freut doch genauso die Mutti mit Kinderwagen.“ Der Bürgermeister winkt ab.

Familie Spehlbrink hat mittlerweile Wurzeln geschlagen, die Enkeltöchter lernen Hotelfachfrau und Physiotherapeutin. Der Kleinste geht noch in die Schule. Mit neuem Bekanntenkreis stoßen sie in der Gartenkolonie im Lampiondämmerschein an Sommerabenden mit dem einen oder anderen Gläschen an.
500 Meter von Spehlbrinks Zehngeschosser entfernt, schimmert die blaue Müritz. Müritz – heißt für das Rentnerehepaar vor allem spazieren gehen: kilometerweit. Mit ihrem schwarzen Pudel Vicky. Durch die Wälder und am See entlang natürlich. Kurt Spehlbrink blickt aus dem Fenster in die Ferne auf das Wasser. „Das ist doch alles ein Traum“ – „Ja“, stößt er einen hohen Freudenjauchzer aus. Seine Frau nickt ihm zu und strahlt. „Das ist so schön hier.“ Sie hat sich auf die Kante des Wohnzimmersofas gesetzt. Auf dem Schoß der zierlichen Frau hat sich Vicky angekuschelt und lässt sich kraulen: „Das Klima muss etwas Besonderes sein“, sagt sie, „wir waren seit 13 Jahren nicht mehr erkältet.“
Senioren fühlen sich wohl in Waren. Sie genießen Schiffsfahrten, die von den Ablegestellen am Hafen starten, sie lenken ihre Fahrräder auf 200 Kilometer Radwegen im und am Müritz-Nationalpark. Die Älteren sind der Stadt zugeflogen. Gezielt geworben habe die Stadt nicht, sagt Bürgermeister Rhein.
Früher kamen sie aus Berlin, jetzt auch aus den alten Bundesländern,“ sagt Irmtraud Kampe, Vorsitzende des Seniorenbeirats der Stadt. Bei den Senioren sei der Bürgermeister sehr beliebt, sagt Kampe. Vielleicht noch mehr im Sommer, wenn er die Lautstärkeregler bei den Open-Air-Partys am Hafen nach unten drehen will. „Die Feiern haben in den letzten Jahren Überhand genommen.“ Der Bürgermeister streicht mit den Fingern der rechten Hand über die glänzend-dunkelbraune Tischplatte, als wolle er die Übeltäter einkreisen. „Wir müssen die Natur wieder zur Ruhe kommen lassen“, sagt Rhein.

Waren hat sich auf die Alten eingestellt. Die Wohnungsgenossenschaft Wogewa fragt jeden neuen Mieter, ob die Wohnung stufenlos umgebaut, die Badewanne abgesenkt werden soll. Ein Servicebüro vermittelt auf Bedarf Pflegedienste, organisiert Rommée-Abende und Schiffsfahrten. Seit dem Jahr 2000 hat die Wogewa die Anzahl ihrer Aufzüge verdoppelt.

Frisches Geld bringt jeder neue Einwohner über die Schlüsselzuweisung vom Land. Günter Rhein ist nicht nur deshalb glücklich über die Zuwanderer. „Sie bringen sich ehrenamtlich in die Vereine ein und frische Ideen mit“, sagt er. Ein Ergebnis, das auch die Einwandererstudie brachte. Die Forscher sehen einen Nutzen für die Wirtschaft: Die gehobenen Renten der Zuwanderer – der „Silver Generation“ – könnten noch stärker als bisher für Massagen und Therapien ausgegeben werden. Jetzt will die Nachfolgestudie „GesundTour MV“ herausfinden, wie sich weitere Einwanderer locken lassen.
Wegen Wellnessangeboten sind die Rentner aus Sulingen nicht gekommen. „Wir sind doch nicht alt“, zwinkert Kurt Spehlbrink seiner Frau zu. „Stimmt, nur der Blick in den Spiegel erinnert uns daran“, antwortet sie und lächelt zurück. „Die Müritz hält uns jung.“

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