Die Mauer der Anderen

Eine Selbstschussanlage, die an einem Grenzschutzzaun befestigt ist, steht in Bad Bodenteich im Grenzschutzmuseum vor einer Flagge der DDR. Foto: ddp
Eine Selbstschussanlage, die an einem Grenzschutzzaun befestigt ist, steht in Bad Bodenteich im Grenzschutzmuseum vor einer Flagge der DDR. Foto: ddp

Willy Brandt war ein berühmter Politiker der DDR, die Stasi ein harmloser Geheimdienst. Unter Erich Honecker gab es demokratische Wahlen: Was nach verdrehten und haarsträubenden Aussagen einiger Unwissender klingt, ist in Wirklichkeit das DDR-Bild zahlreicher Schülerinnen und Schüler in Deutschlands Westen und Osten.

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25. Juli 2008, 07:40 Uhr

Das fanden Wissenschaftler des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin im Rahmen einer gestern vorgestellten Studie heraus. Demnach war die DDR in den Augen vieler Jugendlicher ein soziales Paradies und keine Diktatur.

Studienleiter Klaus Schroeder ist entsetzt über diese Ergebnisse. „Die Schüler sind nur das letzte Glied in der Kette der Verklärung und Verharmlosung“, glaubt er nach der Befragung von mehr als 5200 Jugendlichen in Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen sowie Ost- und West-Berlin. Schließlich bekämen die Jungen und Mädchen ihre Ansichten von Eltern, Lehrern und den Medien vermittelt.

Das Problem seien daher teilweise die Schulen, sagt Schroeder. Denn während die Lehrpläne der vier untersuchten Länder die Behandlung der deutschen Teilungsgeschichte und der DDR vorsehen, werden diese Themen nach Aussage von Schülern und Lehrern vor allem in den neuen Bundesländern kaum im Unterricht behandelt. Gymnasiasten aus Brandenburg wussten daher weniger über die DDR als bayerische Hauptschüler.

Die Studie ergab allerdings auch einen direkten Zusammenhang zwischen dem Kenntnisstand und dem Urteil über die DDR. Wer also wie einige der meist 16 und 17 Jahre alten befragten Schüler glaubt, dass die Bundesrepublik die Mauer gebaut hat oder dass es in der DDR keine Todesstrafe gab, der bewertet folglich auch das gesamte DDR-System inklusive der Politik eher positiv.

Deutlich problematischer als die mangelnde Schulbildung ist laut Schroeder jedoch die Rolle der älteren Generationen in Ostdeutschland. „Viele Eltern und Großeltern erzählen den Jugendlichen nur vom vermeintlich positiven Alltag in der DDR, blenden das Negative dabei aber aus“, kritisiert der Wissenschaftler. Die Folge: Selbst wenn die Lehrer ihren Schülern von den Mauertoten und den Methoden der Stasi berichteten, relativierten die Eltern diese Angaben oder stritten sie ganz ab.

Das belegen auch hunderte Briefe und E-Mails, die Schroeder im Laufe der vergangenen Monate nach Veröffentlichung erster Teilergebnisse erhalten hat. „Der Kern meines Bekanntenkreises, circa zehn Leute, Zonenkinder, mit Hochschulabschluss, circa Jahrgang 1978, sehen die DDR alle positiv“, berichtet eine Frau aus dem Osten. Ein 38 Jahre alter Vater aus Brandenburg schreibt: „Erschreckend finde ich nicht das Ergebnis Ihrer Studie, sondern Ihre Äußerungen dazu. Deshalb mein Tipp an Sie: Wenn man keine Ahnung hat, sollte man den Mund halten.“

Schroeder will dennoch nicht aufgeben. „Die Jahre 2009 und 2010 bieten sich als Erinnerungsjahre zum Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung an, um Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Denn auch das ist das Ergebnis seiner Studie: Viele Schüler ahnen, dass sie nur wenig über die DDR wissen – und würden gerne mehr erfahren.

Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder: „Soziales Paradies oder Stasi-Staat?
Das DDR-Bild von Schülern – Ein Ost-West-Vergleich“, Verlag Ernst Vögel, 46 Euro


Reaktionen auf die Studie


„Ich appelliere an die Eltern, ihren Kindern die Wahrheit über das Leben in der DDR zu erzählen. Über die schönen Erlebnisse, aber auch über das Leben hinter Mauer und Stacheldraht.“
Der Ost-Beauftragte Wolfgang Tiefensee (SPD)

„Die Wissenslücken sind schon frappierend.“ In den Schulen sei „einiges versäumt“ worden.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU)

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