Die Kinder aus dem Parkschlösschen

<strong>An diesem Tag</strong> ist Joey , der Spatz auf dem Fahrrad, die Hauptperson. Schließlich hat er Geburtstag. <foto>Doris Ritzka</foto>
An diesem Tag ist Joey , der Spatz auf dem Fahrrad, die Hauptperson. Schließlich hat er Geburtstag. Doris Ritzka

svz.de von
23. Juli 2010, 04:47 Uhr

Perleberg | Joey feiert Geburtstag. Drei Jahre wird der Stift. Großes Hallo - Opa bringt ein kleines Fahrrad. Doreen und Danny Röpke haben eine Hüpfburg besorgt. Seit dem 6. Oktober ist Joey ihr Pflegekind. Auch die Mutti des kleinen Spatzen hat sich noch zum Geburtstagskaffee angesagt - etwas später. Derweil gibt es immer wieder Geschenke. Mal einen Eimer und Backformen für den Sandkasten oder ein kleines Auto. "Das ist nun mal so, wenn man eine große Familie hat", fügt Doreen Röpke schmunzelnd an. Sie und Danny haben zusammen selbst einen dreijährigen Sohn. Für Lukas ist es inzwischen ganz normal, dass er Vati und Mutti teilt, er derzeit eben noch einen Bruder hat.

An der Geburtstagstafel im Garten beginnt das große Erdbeerkuchenessen, natürlich mit Schlagsahne. Denn Joey und Lukas sind nicht der einzige Nachwuchs im Parkschlösschen. Seit 28 Jahren betreut auch die Mutter von Danny Röpke Pflegekinder. "Ich habe momentan fünf", fügt Silvia Röpke an und zeigt stolz auf ihre Sprösslinge auf Zeit. Mit 13 Jahren ist Natalie die älteste. Seit sieben Jahren ist das Parkschlösschen ihr Zuhause, die anderen Pflegekinder sind ihre Geschwister auf Zeit und Silvia Röpke ihre "Mutsch". Drei richtige Geschwister habe sie, hier sind es eben noch ein paar mehr. "Nein, ein Problem habe ich damit nicht. Es ist schön hier."

Als Große muss sie natürlich auch mal bei den Kleinen nach dem Rechten schauen, eben wie in einer ganz normalen Familie. Ebenso hat jedes Kind seine kleinen Aufgaben, muss schon darauf achten, dass das eigene Zimmer nicht einer Räuberhöhle gleicht oder auch mal helfen, den Tisch zu decken oder mit abzuräumen.

Und wie in anderen Familien auch, legt Doreen morgens für Joey und Lukas die Sachen raus, bevor sie zur Arbeit geht. Danny schafft die beiden dann in die Kita. Und auch für die anderen Spatzen aus dem Parkschlösschen geht es in den Kindergarten oder die Schule.

Als vor 28 Jahren die Schwester von Silvia Röpke starb, nahm sie die beiden Kinder, damals vier und acht Jahre, zu sich. "Heim oder zur Verwandtschaft, Pflegeeltern gibt es erst seit der Wende hier", erzählt sie. Dafür habe sie sich dann beworben, wurde geschult und durchläuft immer wieder ein entsprechendes Prüfungsverfahren. "Wir suchen Pflegeeltern für Kinder und nicht Kinder für Pflegeeltern", betont Christiane Neher-Greisert vom Pflegekinderdienst. Da muss alles auch zu einander passen, das Kind einen Familienanschluss auf Zeit finden, der ihm gut tut.

Denn es sind Kinder, die bis dato nicht die Sonnenseiten des Lebens erfuhren. Vielfach waren die eigenen Eltern mit der derzeitigen Situation überfordert, brauchten selbst Hilfe. Doch Zeiten ändern sich und Menschen auch. Darum ist die Trennung von eigentlichen Zuhause nur eine auf Zeit, möglichst auf sehr kurze Zeit. "Wir suchen so auch stets den Kontakt zu den leiblichen Eltern, ohne sie funktioniert es nicht", betont Silvia Röpke. Mutti und Vati kommen zu Besuch oder es wird mal ein Wochenende bei ihnen verbracht. Alles natürlich in Absprache. Doch es braucht auch Zeit, bis die Kinder und deren leibliche Eltern entsprechendes Vertrauen aufgebaut haben, dieses Miteinander auch klappt. "Wir nehmen ihnen nicht die Kinder weg, das müssen die Eltern aber erst einmal begreifen. Wer selbst Mutter oder Vater ist, der weiß, wie schwer das ist", betont Silvia Röpke.

32 Pflegekinder waren für Tage, Wochen, Monate manchmal auch Jahre bei ihr Zuhause. Wenn sie kommen, fließen Tränen, wenn sie wieder gehen "heimlich" auch, gesteht sie offen ein. Larissa ist seit anderthalb Jahren bei Mutsch. "Ich habe geweint im Auto. Da hat mir Mutsch erst einmal eine Puppe gekauft." So hatte Larissa was zum Liebhaben ganz für sich, denn die Mutti war nicht da und die Pflegemutti, ja alles Drumherum, ganz neu für sie. Demnächst wird die Sechsjährige wieder in ihre eigene Familie zurückkehren. Mutsch werde sie aber ganz bestimmt besuchen, so wie es viele ihrer einstigen Kinder auf Zeit tun. Inzwischen sind diese teilweise schon erwachsen, "und ich werde Großmutter", fügt Silvia Röpke mit einem Lächeln an. Erst jetzt hat sie wieder ein Ultraschallbild bewundert. Bei dem Gedanken kullert eine Freudenträne über die Wange.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen