Die hausgemachte Krise

Vorsichtiger Optimismus nach der gestrigen Belegschaftsversammlung in der Fliesenfabrik: Der Insolvenzverwalter will den Standort nicht aufgeben. Die Produktion geht weiter. Aber: Zum 1. August wird dennoch das Insolvenzverfahren eröffnet.

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25. Juni 2008, 10:29 Uhr

Boizenburg - Gestern Nachmittag, kurz vor 14 Uhr, Schichtwechsel in den Fliesenwerken. Eine Belegschaftsversammlung ist anberaumt, der vorläufige Insolvenzverwalter, der Hamburger Rechtsanwalt Ulrich Rosenkranz, will die Beschäftigten darüber informieren, wie es weitergeht. „Die Belegschaft war fast vollständig vertreten, mit dabei auch der Geschäftsführer der Fliesenfabrik Jürgen Hoclas und weitere leitende Mitarbeiter des Unternehmens“, berichtete Dirk Bönning im Anschluss an die etwa 30 Minuten dauernde Zusammenkunft auf der Freifläche an der Produktionshalle. Der junge Mann, seit zwei Jahren Vorsitzender des Betriebsrates, beschreibt die Stimmung unter den Mitarbeitern dieses Traditionsunternehmens als verhalten optimistisch.

Mehrzahl der Arbeitsplätze in Boizenburg sichern„Der Insolvenzverwalter hat ganz klar dargestellt, dass es hier in Boizenburg weitergeht. Es wird nicht daran gedacht, die Mehrzahl der Arbeitsplätze abzubauen. Sicher wird es Veränderungen geben, das ist das normale Geschäftsgebaren. Aber wir alle hier im Unternehmen werden darum kämpfen, die Jobs zu erhalten“, so der engagierte Betriebsratsvorsitzende gestern Nachmittag.

Aus dem Munde von Ulrich Rosenkranz hörte die Belegschaft also die Botschaft, dass es nicht beabsichtigt ist, den Standort aufzugeben. „Dazu besteht auch gar kein Anlass. Die Auftragslage ist gut, die Bücher voll. Wir werden weiter Fliesen verkaufen und auch weiter Fliesen produzieren“, erklärt Dirk Bönning. Bei Insidern wie Außenstehenden könnte der Eindruck entstehen, dass die derzeitigen Probleme auf anderen Ebenen hausgemacht sind.

Jetzt werden erst einmal alle Daten geprüft, alle Zahlen zusammengetragen. Bank und Gesellschaftervereinigung müssen sich über die weitere Zukunft des Unternehmens, in der seit über 100 Jahren Bodenplatten und Fliesen hergestellt wurden, klar werden. Eine Einigung beider Parteien wäre natürlich für die Boizenburger Fliesenwerke das Beste und würde den rund 260 Beschäftigten die Sorgen um ihren Arbeitsplatz nehmen. „Vermutlich wird zum 1. August 2008 das Insolvenzverfahren eröffnet, so denn die Faktenlage dazu führt. Finanziell wird das für die Beschäftigten über das Insolvenzausfallgeld abgesichert. Das wird ab August für drei Monate gezahlt und ist auch schon bei der Agentur für Arbeit beantragt, denn sie stellt die Mittel dafür bereit.“ Dirk Bönning hofft dennoch, dass die Krise um die Fliesenwerke bald beendet ist. „Für die Menschen in der Region und auch über die Grenzen der Elbestadt hinaus wäre eine solche Entscheidung von existenzieller Bedeutung.“

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