Die Geschichte eines Hierbleibers: Anmerkungen von Matthias Platzeck zur deutschen Einheit

Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker stellt am Montag in Berlin ein Buch von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) vor. Das Werk beschäftigt sich mit den 20 Aufbau-Jahren seit der friedlichen Revolution.

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17. Mai 2009, 05:40 Uhr

Brandenburgs Ministerpräsident; der einstige ostdeutsche Wunderknabe Matthias Platzeck nutzt die Jahrestage zur friedlichen Revolution von 1989 für ein Buch. Der Titel "Zukunft braucht Herkunft" signalisiert die Absicht, die hinter der Veröffentlichung steht. Da will ein Mann erklären, warum es mit ihm so weit gekommen ist - und mit dem Teil seines Landes, der vor zwanzig Jahren einen historischen Bruch erlebte. Heraus gekommen ist ein gut 200 Seiten starkes Werk - eine Rechtfertigungsschrift. Sie fängt an mit einem Tag im September 1989, an dem Plat zeck in Budapest ein Flugzeug besteigt, in dem viele Plätze leer bleiben, weil sich die darauf gebuchten Passagiere in Richtung Österreich aufgemacht haben. Platzeck hat sich anders entschieden, weil er, wie er später erklärt, ein "Hierbleiber" ist. Sein Leben wäre wohl anders verlaufen, sagt er, wenn er sich auf den Weg in die BRD gemacht hätte. Da mag dann jeder schlussfolgern, dass es dem Potsdamer in Stuttgart oder Bremen wohl nicht so gut gegangen wäre, wie zu Hause. Da hat er möglicherweise recht. Denn wenige Monate danach bestieg er als Minister der Modrow-Regierung seinen Dienstwagen. Das ist seine Version von "es war nicht alles schlecht". Die ist allerdings nicht zu verallgemeinern. Nun hatte selbst im September 1989 nicht jeder die Wahl zwischen dem Dableiben und einem selbstbestimmten Leben. Viele hätten sich anders entschieden, viele haben sich damals, vor allem aber vorher schon, ganz anders entschieden - der eigenen Freiheit wegen. "Weitaus lieber bleiben Menschen nun einmal dort, wo sie ihre Wurzeln, Familien und Freunde haben", sagt Platzeck lapidar dazu. Es ist faszinierend, mit welcher Innigkeit hier ein Deutscher des 21. Jahrhunderts den Begriff "Heimat" als Schlüsselwort für seine politischen Entscheidungen verwendet und wie er mit ihm den Gegensatz zwischen Ost und West zu erklären versucht. Platzeck ist sich der Ambivalenz dieses Vorhabens hinreichend bewusst. Deswegen reduziert er den "Regionalpatriotismus" auf eine besondere Naturverbundenheit mit den an Gewässern reichen märkischen Landstrichen, die auch nur einen Teil des Landes bestimmen, aber dafür auch in Mecklenburg oder Vorpommern anzufinden sind. Die Welt des Matthias Platzeck ist eine eng begrenzte Idylle, die darauf wartete, "wach geküsst und aufgemuntert" zu werden. Und sie ist verbunden mit seiner wohlwollenden Sicht auf die ostdeutsche Entwicklung der letzten Jahre. Die damit verbundene Chance sieht der Mann in der "Umbruchkompetenz", die ein Vorzug gegenüber der Mentalität in den alten Ländern der Bundesrepublik sein soll. Mit dem weisen Entschluss des Septembers 1989, hier zu bleiben, sei man jetzt den anderen Deutschen ein Stück voraus. Die Heimatliebe hat für ihn damit auch eine Krisendividende. Da schreibt einer ein Buch, in dem er Persönliches und Allgemeines sehr eng aneinander bindet. Aber er geht er dann nur mit einigen wenigen Zeilen auf den Bruch ein, der aus seinem Leben wieder eine Provinzgeschichte machte? Die Doppelbelastung als SPD-Parteivorsitzender und Ministerpräsident sei gesundheitlich nicht zu ertragen gewesen. Und die Ärzte hätten gesagt, er soll den Job in Berlin sein lassen. Warum den und nicht den anderen, wäre da die naheliegende Frage. Natürlich nicht für den "Hierbleiber" Platzeck. Ostdeutsche Antworten auf deutsche Fragen gibt dieses Buch genau deswegen nicht. Es ist ein Buch für die, die im Zweifelsfall lieber zu Hause bleiben.

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