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11. Dezember 2017 | 01:33 Uhr

Die fremde Welt der Buchstaben

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erstellt am 06.Mai.2010 | 07:34 Uhr

ludwigslust | Etwas ungeschickt hält Adil Taifur (Name von der Redaktion geändert) den Bleistift in seiner Hand. Er schreibt einige Worte auf ein Blatt mit Hilfslinien: Lampe, Stuhl, Fenster. Stolz schaut er auf das Papier. Vor wenigen Wochen hat der 33-Jährige zum ersten Mal in seinem Leben einen Stift in der Hand gehalten. Der Kurde stammt aus dem nördlichen Irak. Viehzucht betrieb seine Familie in der kargen Landschaft. Zur Schule ging niemand - die gesprochene Sprache reichte aus.

Seit zehn Jahren lebt Taifur in Deutschland. Und was ihm früher nie fehlte, vermisst er seitdem jeden Tag: die Schrift. "Ich fühle mich oft verloren", sagt der Iraker, "immer brauche ich Hilfe." Straßenschilder, Formulare, Schriftzüge - für ihn nicht mehr als ein wirres Chaos fremder Zeichen. Seit Anfang des Jahres besucht er den Alphabetisierungs- und Integrationskurs der Kreisvolkshochschule. Seitdem hat sich vieles geändert.

Vier Millionen Analphabeten in Deutschland

In Deutschland leben nach Einschätzung des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung etwa vier Millionen Analphabeten. Wenige von ihnen sind primäre Analphabeten, also Menschen, die keinen einzigen Buchstaben lesen oder schreiben können. Die meisten sind funktionelle Analphabeten, können zwar einzelne Buchstaben erkennen, aber keine zusammenhängenden Texte lesen. "Sie befinden sich meist etwa auf dem Niveau von Drittklässlern", erklärt Peter Hubertus, Geschäftsführer des Bundesverbandes für Alphabetisierung.

Trotzdem besuchen aktuell nur knapp 20 000 Menschen einen Kurs, um Lesen und Schreiben zu lernen. "Das sind 0,5 Prozent", rechnet Hubertus vor. Vor allem die Scham, das Defizit zuzugeben, hindere viele Betroffene, einen Kurs zu besuchen. "Schon die begrenzte Öffentlichkeit eines Kurses schreckt viele ab", weiß Hubertus. Auch in Ludwigslust macht sich dieses Problem bemerkbar. "Viele schämten sich anfangs", erinnert sich Kursleiterin Doris Strasberg. Auch für sie selbst war der Alphabetisierungskurs Neuland. Eigentlich ist die 59-Jährige Gymnasiallehrerin für Deutsch und Russisch.

Mit Lernstrategien zu Lese- und Schreibkompetenz

Was ihr hilft, ist das Lehrbuch "Mosaik", das sich speziell an Alphabetisierungskurse richtet. Das Buch startet nicht mit dem Alphabet in der festgelegten Reihenfolge, sondern mit den Lauten, die am leichtesten zu behalten sind. Dazu gehört zum Beispiel das "m". Dieser Laut ist leicht zu bilden, deshalb ist es meist auch der erste Laut, den Kinder beherrschen.

Zentral ist es für die Analphabeten, den Unterschied zwischen den Buchstaben-Namen und den Lauten zu unterscheiden. Man sagt zwar "be" zum zweiten Buchstaben des Alphabets, spricht das angehängte "-e" aber nicht aus, wenn der Buchstabe in einem Wort vorkommt. Ein Umstand, der vielen im Kurs zu schaffen machte. Statt "Butter" lesen sie anfangs oft "Be-u-te-te-er". Und verstehen dann gar nicht, was dieses rätselhafte Wort bedeuten soll.

Blau gekennzeichnete Buchstaben im Lernheft sind leichter zu lernen als rot markierte. Dazu gehört zum Beispiel das "v". Die enge Verwandtschaft zum "w" ist schwer zu verstehen. "Vulkan zum Beispiel beginnt lautlich gesehen zwar mit einem w, wird aber anders geschrieben", erklärt Doris Strasberg. Viel Geduld braucht sie, damit ihre Schüler zwischen 17 und 60 Jahren den Glauben an sich selbst nicht verlieren. "Reden ist Silber, Schreiben ist Gold", diese Regel hat Strasberg zum Leitmotto des Kurses gemacht. "Sprechen können sie meist schon und Lesen lernen sie relativ schnell - das wirklich Schwierige ist das Schreiben", sagt sie.

Deshalb lernt die Gruppe kleinschrittig. Erst Laute, dann Silben, dann zweisilbige, schließlich mehrsilbige Wörter. Vom Laut "t" zur Silbe "to", zum zweisilbigen "toma", zum Wort "Tomate" bis zum zusammengesetzten Wort "Tomatensalat" ist es eine lange Reise. Eine Reise, auf der Doris Strasberg eine geduldige Wegweiserin ist. Und Adil Taifur ein fleißiger Mitreisender.

In Kooperation mit der Arge startet die Volkshochschule bald einen zweiten Alphabetisierungskurs. Der Unterricht startet am 17. Mai und richtet sich an deutsche Muttersprachler. Informationen gibt es unter der Telefonnummer 03874/6241133.

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