Buch über Schicksal von mehr als 50 ermordeten Kindern : Die dunkelsten Tage von Lobetal

In Lobetal wurden 1941 mehr als 150 Kinder aus der Region betreut
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In Lobetal wurden 1941 mehr als 150 Kinder aus der Region betreut

Sie waren mehr als 50, sie waren Kinder, behindert und sie hatten keine Chance, als sie im April 1941 mit Sonderbussen aus dem Lobetalheim von Lübtheen abgeholt wurden. Nur wenig später waren diese Kinder alle tot.

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18. Februar 2011, 10:06 Uhr

Lübtheen | Sie waren mehr als 50, sie waren Kinder, behindert und sie hatten keine Chance, als sie im April 1941 mit grauen Sonderbussen aus dem Lobetalheim von Lübtheen abgeholt wurden. Nur wenig später waren diese behinderten Kinder alle tot, eines unnatürlichen Todes gestorben. Man ließ sie einfach verhungern oder gab ihnen hohe Dosen an Medikamenten, um sie systematisch umzubringen. Passiert ist dieser geplante Mord nicht irgendwo, sondern auf dem Lewenberg in Schwerin.

Diese Tragödie aus der jüngeren deutschen Geschichte ist das Thema eines Buches, das die Lobetalarbeit in Celle überhaupt möglich gemacht und das der journalistisch beschlagene Autor Joachim Piper mit enormem Fleiß und seltener Konsequenz umgesetzt hat.

"Lobetal habe ich säubern lassen", heißt das aufwändig und mit viel Liebe zum Detail hergestellte Buch, das sich auf 111 Seiten einem sehr finsteren Kapitel regionaler Geschichte widmet. Das Zitat, das zum Buchtitel wurde, gehört zum Schweriner Reichsstatthalter Friedrich Hildebrandt, der höchstpersönlich die gesamte Räumung der Lübtheener Lobetalheime in Gang setzte, übrigens in der ach so schneidigen Uniform eines SS-Generals. Dabei hatte Hildebrandt selbst eine behinderte Tochter, der natürlich nichts passierte. Der "Reichsstatthalter" muss Lobetal gut gekannt haben, denn in Gößlow hat er sich standesgemäß ein Gut angeeignet.

Tiefe Würdigung der Arbeit der Lübtheener Diakonissen

Das Buch ist mehr als nur eine bloße Aufarbeitung der Räumung der Lobetalheime, die plötzlich kriegswichtig waren. Das Buch berichtet vor allem von der aufopfernden, aber immer auch wunderbaren Arbeit der Lübtheener Diakonissen, die schon früh Maßstäbe in der Betreuung vieler Kinder setzen. Es geht um den Aufbau, die plötzliche Vertreibung und auch um die wundersame Rückkehr dieser tief im Glauben verwurzelten Frauen. Es ist eine ehrliche Aufarbeitung des Geschehenen, an dem auch die damalige Kirchenleitung schuldig ist. Es geht um Einzelschicksale, es geht um die Wahrheit. Und die ist grausam genug, wenn der Buchautor Pieper akribisch und mit vielen Belegen herausarbeitet, dass es sich bei dem Mord an den Kindern nicht um einen Unfall oder eine Tat Übereifriger handelt, sondern um eine geplante Aktion. Diese Aktionen gab es leider nicht nur in Mecklenburg, sondern in ganz Deutschland. Zu den unbestreitbaren Tatsachen, die dieses Buch mit vielen Beweisen aufdeckt, gehört nicht nur die Mitschuld der Kirchenleitung, sondern auch die des Personals am Lewenberg. Obwohl es nach Kriegsende auch einen so genannten Sachsenberg-Prozess gab, ist von den Schuldigen nie wirklich jemand bestraft worden.

Sich des Themas auch nur anzunähern, wäre schon Aufgabe genug gewesen, bekannte Buchautor Piper im Gespräch mit der Schweriner Volkszeitung. Außer ein paar Hinweisen und vagen Andeutungen gab es zunächst wenig, vor allem keine verlässlichen historischen Quellen. Das änderte sich zu Beginn der Recherche auch nicht, bis Piper ein Rostocker Professor half. Dann kam Fund zu Fund und schließlich verfügten auch die heute in Lübtheen ansässigen Schwestern über ein beachtliches Wissen. "Die ermordeten Kinder waren der Antrieb: Ich wollte Beweise für ihr Schicksal finden," bekennt Piper im Vorwort. Und er beließ es nicht dabei, weil er zugleich sich ausführlich mit dem Werdegang der Gründerin "Lobetals", Erna Marie Biedermann, aus Bremen beschäftigte. Sie hatte die Arbeit in Lübtheen 1928 in Gang gebracht. Und die Geschichte hielt noch einen weitere Wendung bereit, der heute von Bedeutung ist. Die im Laufe des Jahres 1941 vertriebenen Diakonissen konnten in der Nähe von Celle einen Neuanfang starten. Heute ist die Celler Tochter viel größer und wirtschaftlich bedeutender als die Lübtheener Keimzelle. Denn auch das geschah, nach dem Krieg kehrten die Diakonissen zurück und begannen ihr schweres Werk erneut. Die endgültige Blütezeit kam dann mit der Wende. Einziger Unterschied: Damals standen die Kinder und später die Flüchtlinge im Mittelpunkt, heute sind es die älteren Menschen.

Angebot für einen lebendigen Geschichtsunterricht

Die Aufarbeitung der Geschichte, zumal der aus der Nazi-Zeit, hat in Lübtheen natürlich immer noch ein besonderes Gewicht. Norbert Zobel, heutiger Geschäftsführer der Lobetal gGmbH: "Immer auch mit dem Bezug auf unsere eigene Geschichte, die Dank der Veröffentlichung von Herrn Piper nun einmal mehr ins öffentliche Interesse rückt, gilt es, gegen ortsansässige rechte Ideologen, die permanent versuchen, mit gutbürgerlichen Methoden Menschen für ihre Ideen zu gewinnen, Widerstand zu leisten. Hier liegt eine Aufgabe für uns, durch PR- und Öffentlichkeitsarbeit gegen das Vergessen unserer Lobetal-Geschichte."

Das Buch, das bei aller Liebe zu Beweisen, Dokumenten und zu den Fakten lesenswert geblieben ist, gehört durch seine Schilderungen des Alltages in Lobetal zu den Zeugnissen diakonischer Arbeit. Unter den widrigen Umständen der damaligen Zeit ist es auch ein Beweis einer leisen Revolution gegen den Ungeist und den Terror der Hitler-Diktatur.

Bereits vor der offiziellen Vorstellung hat die Kunde von dem neuen Buch in und um Lübtheen die Runde gemacht, es gab schon etliche Vorbestellungen. Herausgeber und Autor hoffen jetzt vor allem auf Schulen, die das Buch oder Auszüge davon z. B. im Geschichtsunterricht, aber nicht nur da verwenden können - als Beispiel, wie sich die Ideologie der Nazis in der Region konkret auswirkte.

Wer mehr erfahren will oder das Buch bestellen möchte, kann das unter der Telefonnummer 038855/7070 tun.

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