"Die Demokratie soll ihre Chance bekommen"

Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin in Felduniform MM
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Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin in Felduniform MM

Vor 90 Jahren endete in Deutschland die Zeit der Monarchie. Auch die Mecklenburger Großherzöge verloren ihre Kronen. Für den adligen Kunsthistoriker aus Hechingen kein Grund zur Trauer.

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13. November 2008, 10:11 Uhr

Im Fürstengarten von Hechingen (Baden-Württemberg), versteckt hinter hohen Bäumen und von Wein überwuchert, liegt die "Silberburg, eine verwunschene Villa aus fürstlicher Hohenzollernzeit. Im Obergeschoss residiert inmitten antiker Möbel Dr. Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg-Strelitz Graf von Carlow. Von den Wänden schauen aus schweren Goldrahmen, in Öl verewigt, seine Ahnen auf ihn herab. Eine Szene wie aus einem Märchen oder besser: wie aus einem Geschichtsbuch. Denn: der 75-jährige Kunsthistoriker ist heute selbst so etwas wie ein lebendes Denkmal. Er ist der einzige Herzog zu Mecklenburg, der noch in Mecklenburg das Licht der Welt erblickte.



Möglicherweise wäre sein Neffe heute Großherzog von und in Mecklenburg-Strelitz - wenn, ja wenn sich das Rad der Geschichte ein wenig anders gedreht hätte. Tat es aber nicht. Und so war am 9. November 1918 Schluss mit lustig für Deutschlands Dynastien. Wilhelm II. (1859 - 1941) hatte sich, als er den Krieg verloren sah, bei Nacht und Nebel nach Holland abgesetzt. Da er sich zuvor hartnäckig geweigert hatte, eine Abdankungsurkunde zu unterzeichnen, erklärte Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig den Thronverzicht des deutschen Kaisers und Königs von Preußen, und der Sozialdemokrat Philip Scheidemann rief in Berlin die Republik aus.

Erste Kindheitsjahre auf Schloss Remplin
An den folgenden Tagen dankte dann ein gekröntes Haupt nach dem anderen ab. Darunter Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin. Er leistete zugleich im Namen seiner Strelitzer Verwandten Verzicht, weil im kleineren Nachbarland der letzte regierende Großherzog Adolf Friedrich VI. bereits im Februar den Freitod gewählt hatte und man davon ausging, dass es aus seinem Hause keinen Nachfolger gäbe. Als sich doch ein Bewerber meldete, war der Zug für eine Thronbesteigung längst abgefahren.

Der Glanz von früher verblasste schnell, und der Sturm der Zeit verwischte alte Strukturen. Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg-Strelitz verschlug es nach Süddeutschland. Er heirate eine Hohenzollernprinzessin und blieb mit ihr im Schwabenland. Interviews verweigerte er bisher beharrlich. Dabei hätte er viel zu erzählen. So wie jetzt, als er sich zu einer Ausnahme bewegen ließ. Den Sturz der Fürsten vor 90 Jahren bedauert er nicht, im Gegenteil: Er erteilt einer Neuauflage der Monarchie eine klare Absage: "Ich finde die Familien, die einmal in Deutschland regiert haben, haben ihren Dienst getan - im Guten, wie im Mittelmäßigen, wie im Schlechten, so wie es bei jeder Regierung der Fall ist. Die Demokratie soll eine Chance haben. Außerdem sind die Familien, die früher das Sagen hatten, zu lange Privatiers und gar nicht mehr vorbereitet auf diese Aufgabe."

Herzog Carl Gregor stammt in gerader männlicher Linie von Großherzog Georg (1779 - 1860) ab. Dieser war sein Ur-Urgroßvater. Er selbst erblickte 1933 im stattlichen Schloss Remplin das Licht der Welt.

Seine unbeschwerten Kindheitstage dort sind ihm noch gegenwärtig, ebenso wie die Schreckensnacht im April 1940, als er mit seiner Familie buchstäblich ausgeräuchert wurde:

"Unser Schloss fiel auf Veranlassung des Gauleiters einer Brandstiftung zum Opfer. Ich kniete damals vor dem brennenden Haus nieder, betete und bat den Herrgott, er möge mein Zuhause verschonen. Vergeblich. So musste ich bereits im Alter von sieben Jahren meine Heimat verlassen."

Besuche in der Mecklenburger Heimat
Vom wertvollen Inventar des Schlosses konnte nicht viel gerettet werden: "Ich sehe noch vor mir, wie mein verstorbener Bruder mit einer Axt und mit bloßen Händen zwei hölzerne Wappen aus der Eingangstür herausbrach und so vor den Flammen rettete. Die Wappen hängen heute am Portal der Einsiedlerkapelle Inzigkofen, wo meine ganze Familie beigesetzt ist."

Nach der Wende hat Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg-Strelitz mehrfach Remplin und Neustrelitz besucht. Vieles hat er wiedererkannt, einiges war anders in seiner Erinnerung: "Als Kind sieht man Gebäude breiter und größer, als sie in Wirklichkeit sind. Und so waren für mich auch die Dimensionen von Remplin plötzlich kleiner, als ich sie im Alter von sieben Jahren empfunden hatte."

Obwohl kinderlos und inzwischen verwitwet zieht der Herzog eine Rückkehr in seine Mecklenburger Heimat nicht mehr in Betracht: "Die Mentalität ist mir fremd geworden. Ich lebe zu lange in Süddeutschland und könnte mich in meinem Alter nicht mehr umstellen."

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