Die Brennpunkte verlagern sich nach außen

Schwarze Farbe und die Einweckglas-Farbbombe als Zeuge des nächtlichen Überfalls auf das Ostseestadion - die DKB-Arena. Foto: Georg Scharnweber
Schwarze Farbe und die Einweckglas-Farbbombe als Zeuge des nächtlichen Überfalls auf das Ostseestadion - die DKB-Arena. Foto: Georg Scharnweber

von
26. Mai 2008, 04:09 Uhr

Es ist kurz vor Mitternacht, als am Freitag etwa 15 bis 20 Vermummte einen erneuten Anschlag auf die DKB-Arena in Rostock verüben. Mit Pflastersteinen und Reizgas werden die zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ausgeschaltet. Sie müssen hinter einer Absperrung Schutz suchen. Ziel der Aggression ist auch dieses Mal die riesige Aufschrift mit dem neuen Namen des ehemaligen Ostseestadions. Solche Übergriffe gab es in den vergangenen Wochen häufiger.

Nur eines von zahlreichen Beispielen ist dieser Vorfall am Abend vor der Fachtagung mit dem Titel "Gemeinsam gegen Gewalt und Rassismus im Fußball", die sich am Sonnabend in der Hansestadt genau mit diesem Thema auseinander setzte. Prof. Horst Klinkmann, Vorsitzender des Aufsichtsrates des FC Hansa, glaubt an ein bewusstes Vorgehen der "Unbelehrbaren": "Gewalt ist wie ein Krebsgeschwür, das die gesamte Szene durchsetzt - vom Profisport bis in die unteren Spielebenen." Sein erklärtes Ziel und das der anderen Konferenzteilnehmer sei es, "den geliebten Fußballsport zu verteidigen."

Fußball ist für die Fans ein "Urlaub vom Gewöhnlichen"

Zu Auslösern von Gewalt, bisherigen Entwicklungen und möglichen Präventions- und Repressionsmaßnahmen äußerten sich Vertreter des Landessportbundes Mecklenburg-Vorpommern, des DFB, der Polizei und der Wissenschaft. Sportsoziologe Prof. Gunter Pilz von der Leibniz Universität Hannover erklärte, warum es sowohl auf als auch am Rande des Fußballfeldes immer wieder zu verbalen und körperlichen Attacken kommt: "Es gibt dafür meiner Ansicht nach fünf Gründe. Einerseits wird Aggression im Sport als ein gesellschaftlich prämierter Wert dargestellt." Des Weiteren seien das männerdominierte Milieu, das homogene Kollektiv der Fußballfans, der verdichtete Ort des Stadions und die Verfügbarkeit von Feindbildern - in Form der gegnerischen Mannschaft, der Fans und der Ordnungskräfte - gewaltbegünstigende Faktoren.

"Der Besuch eines Spiels ist ein Urlaub vom Gewöhnlichen und erfordert Freiräume, in denen in gewisser Weise Abenteuer erlebt werden können", so Pilz. Bei der Sanktion und Repression von Gewalt im Stadion sei es daher wichtig, das richtige Maß zu treffen. "Es muss ein Weg gefunden werden, wie Emotionen im Stadion auf kontrollierte Art freigesetzt werden können." Weit reichende Verbote, so der Soziologe, führen dazu, dass sich die Auseinandersetzungen nach außen verlagern.

Diese Entwicklung weiß auch der Rostocker Polizeiinspektor Olaf Kühl zu bestätigen. "Die DKB-Arena gilt als eines der sichersten Stadien", so der Beamte. Folglich haben sich die Brennpunkte auf umliegende Straßen und die weniger abgesicherten Spiele der Bezirksliga verlagert. "Erschreckend ist die Zunahme der Übergriffe auf unbeteiligte, friedliche Fans", so Kühl. "Früher hat es nur Ausschreitungen zwischen den Hooligans der beiden gegnerischen Mannschaften gegeben."

Einer, der die Verlagerung der Gewalt auf die Plätze der Amateurvereine zu spüren bekommen hat, ist Edwin Hübner. Der Trainer des SV Club 98 Anklam beobachtete auch am Rande seiner Spiele eine zunehmende Bereitschaft zu Pöbeleien. "Wir haben uns daher stärker um die Zusammenarbeit mit der Polizei, mit Ordnungskräften und den Fanbeauftragten der Gastmannschaften bemüht", berichtet Hübner. Dies habe zur Verbesserung der allgemeinen Lage geführt.

Profis und Eltern müssen Vorbilder sein
Ein solches Kommunikationsnetzwerk ist auch der Weg, den Detlef Müller, Vizepräsident des Landesfußballverbandes MV, vorschlägt: "Das Konzept hat seit dem vergangenen Jahr in vielen Fällen bereits im Vorfeld eines Risikospiels zur Problemlösung geführt." Eine langfristige Präventionsarbeit im "Schulterschluss" aller Beteiligten sei maßgeblich für die Abwendung zukünftiger Gewaltszenarien.

Auch dazu gibt Prof. Pilz seine Empfehlungen: "Wenn Fans ihre Grenzen selbstregulierend bestimmen und der Verein engagierte Gruppen darin bestärkt, kann das eine Vorbildfunktion für andere haben." Eine so genannte "Fan-Charta" und ein Ehrenkodex für die Spieler führe nach Meinung des Sportsoziologen zu einem kameradschaftlicheren Umgang miteinander und habe darüber hinaus eine stärker bindende Wirkung.

Der Einfluss von Idolen wurde innerhalb der Fachtagung immer wieder hervorgehoben. So sei es wichtig, dass sich zum Beispiel Eltern, die ihre fußballspielenden Kinder anfeuern, dabei nicht im Ton vergreifen. Der Ehrgeiz der Mütter und Väter führe oft zu einem überhöhten Konkurrenzdenken bei den Kleinen und erhöhe das Konfliktpotenzial, so Prof. Pilz.

Profi-Fußballer sollten ihre Popularität nutzen, um als positives Beispiel voranzugehen: "Welche Wirkung hätte es wohl, wenn sich der Kapitän des eigenen Vereins - der Liebling der Fans - an randalierende oder pöbelnde Zuschauer wenden würde, um sie zur Toleranz zu ermahnen?" Der Wissenschaftler ist sich sicher, dass ein solches Verhalten Früchte tragen kann.

Warum es gerade im Fußball immer wieder zu Vorfällen mit verbaler und physischer Gewalt komme, erklärt der Professor aus Hannover damit, dass sich das Aggressionspotenzial bei anderen Sportarten eher auf dem Spielfeld als in den Zuschauerreihen entlädt: "Beim Eishockey, Boxen oder American Football, die an sich viel gewalttätiger sind, können die Fans ihre angestauten Emotionen bereits mittelbar über die Spieler ausleben." Im Prinzip gelte die Formel: Je gewalttätiger eine Sportart, desto ruhiger die Fans. Außerdem sei es zum Beispiel beim Hockey Tradition, sich nach dem Spiel die Hände zu schütteln und somit zu sig nalisieren, dass es außerhalb des Wettkampfes keine Aggressionen gebe. "So etwas sendet eine Botschaft", meint Pilz. Die Massenanziehungskraft des Fußballs sei ein weiterer begünstigender Faktor.

"Mittlerweile haben sich alle Akteure des Themas angenommen", bestätigt der Detlef Müller. Die Einsicht über die Notwendigkeit habe zu einer verstärkten Zusammenarbeit geführt, denn: "Ohne Fair Play auf dem Platz, gibt es auch keins auf der Tribüne." Die friedlichen Fans sollten auch weiterhin als gutes Beispiel vo rangehen. "Wenn wir ehrlich sind, reden wir über vielleicht 0,3 Prozent der Spielbesucher, die Stunk machen", beschwichtigt Stadion-Chef Rainer Friedrich.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen