Die bimmelnde Revolution

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11. Juni 2008, 08:30 Uhr

„Unser Traum war es, dass eines Tages niemand mehr über ein gewöhnliches Telefon anrufen wird“, erinnert sich der Erfinder des ersten tragbaren Telefons, Martin Cooper. Der damalige Motorola-Ingenieur arbeitete Anfang der 70er-Jahre an einem mobilen Gerät für den Polizeifunk, als es bei ihm klingelte: „Warum nicht Mobilfunk für alle?“, fragte er sich.

Zehn Jahre dauerte es dann noch, bis das erste mobile Telefon klein genug und reif fürs Massenpublikum war. „Die Leute dachten, ich sei verrückt“, sagt Cooper. „Weil ich an ein Telefon dachte, das man einfach in die Tasche stecken kann.“

Cooper steckte die Zweifler in die Tasche: Nach Statistiken des Instituts Wireless Intelligence hängen inzwischen 3,3 Milliarden Handys weltweit am Netz. Von den Küsten im Süden Indiens bis zur Spitze des Kilimandscharo – Sendemasten stehen fast überall.

Sozialleben und Arbeitsmarkt verändert

„Das Handy ist revolutionär“, sagt Kommunikationsforscher Scott Campbell von der Universität Michigan. „Es hat unser Sozialleben und den Arbeitsmarkt verändert. Es hat neue Kunstformen geschaffen und neue Wege zu bieten, aber auch das Potenzial, Terroranschläge auszuführen.“ Das Telefonieren hat eine neue Bedeutung bekommen, sagt Campbell. „Jemand ruft nicht mehr irgendein Haus oder Büro an, sondern gezielt eine bestimmte Person.“

„Das Telefon bist jetzt Du“, sagt auch der Soziologe David Hachen von der Universität Notre Dame in Indiana. „Handygespräche schmieden soziale Bande. Die Menschen reden mehr miteinander, weil sie es überall und immer tun können.“

In Restaurants, Theatern und Zugabteilen wird der ewig bimmelnde Kommunikations-Zwerg darum auch oft verflucht oder zum Schweigen verdammt. Je weiter seine Technik reift, umso mehr entwickeln sich auch Handybesitzer zu „Multitaskern“: Sie werden zu Hobby-Fotografen, zu Dokumentarfilmern oder zu Mitarbeitern, die jederzeit erreichbar, kontrollierbar und abrufbar sind.

Jenseits der westlichen Welt hat das Mobiltelefon die Wirtschaft besonders beflügelt. 68 Prozent aller neuen Verträge werden in Entwicklungsländern abgeschlossen. Die London Business School errechnete, dass jedes Mal dort, wo zehn zusätzliche Mobiltelefone auf 100 Menschen kommen, sich das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent steigert. Jeder ist plötzlich in der Lage, seine Dienstleistung anzubieten, weil er erreichbar ist – ganz gleich ob in Manhattan oder in einem afrikanischen Slum. Ökonomen führen zahlreiche Kleinunternehmens-Gründungen auf das Handy zurück.
In den Entwicklungsländern nutzen medizinische Organisationen das Mobiltelefon auch, um etwa Tuberkulose-Patienten an ihre Medikamente zu erinnern. Tabuthemen wie Sex und Aids können per SMS schriftlich „besprochen“ werden.

...vielleicht unter der Haut hinterm Ohr
Spätestens, wenn das Telefon zur mobilen Krankenschwester wird, trägt es seinen Namen zu Unrecht, meint Kommunikationsforscher Hachen: „Es ist Fernseher, Tageszeitung, Faxgerät, Fotoapparat, Kreditkarte und persönlicher Manager.“ Geht es nach dem Willen seines Erfinders, soll es bald noch mehr sein:„Das Telefon sollte irgendwann ein Teil des Menschen werden – vielleicht unter der Haut hinterm Ohr.“

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