Dicke Luft im Nordosten

Im Dezember soll das Sekundärbrennstoff-Heizkraftwerk von Vattenfall in den Betrieb gehen. Die Anlage erzeugt durch Verbrennung Strom und Wärme.  Foto: Ove Arscholl
Im Dezember soll das Sekundärbrennstoff-Heizkraftwerk von Vattenfall in den Betrieb gehen. Die Anlage erzeugt durch Verbrennung Strom und Wärme. Foto: Ove Arscholl

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15. April 2008, 08:08 Uhr

Rostock - Aus Hausmüll wird Strom und Fernwärme. Abfallstoffe gibt es so gut wie keine, dank modernster Technik. Eine saubere Sache. Das war die Idee, mit der der Energieriese Vattenfall in Rostock für ein Sekundärbrennstoff-Heizkraftwerk geworben hat. Und das war der Grund für eine rasche und unkomplizierte Genehmigung.

Zu unkompliziert, argwöhnen die Einwohner aus den umliegenden Ortsteilen wie Nienhagen und Hinrichsdorf. Und das Staatliche Amt für Umwelt und Natur (Staun) muss kleinlaut eingestehen: Die übliche Öffentlichkeitsbeteiligung wurde umgangen – auf Antrag von Vattenfall. „Die Emissionen dieser Anlage sind geringer als bei der ursprünglich geplanten“, rechtfertigte der zuständige Abteilungsleiter im Staun, Hartmut Schwarz, auf der Ortsbeiratssitzung Gehlsdorf/Nordost am Montagabend.

Folgerichtig sei von einer öffentlichen Auslegung abgesehen worden. „Ein Genehmigungsverfahren ohne Öffentlichkeit ist in diesem Fall legitim.“ Jetzt sprießen Ängste und Befürchtungen aus dem Boden. Die Einwohner, die in unmittelbarer Nähe der Müllverbrennungsanlge wohnen, fragen sich: Ist wirklich alles sauber gelaufen?

Hintergrund: Vor acht Jahren hat das Staun bereits an gleicher Stelle eine Müllverbrennungsanlage genehmigt. Damals noch mit der gesamten Nomenklatur von Untersuchungen sowie Verträglichkeitsprüfungen und mit Beteiligung aller Betroffenen. Doch für die Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft Rostock (EVG), die ursprünglich die Anlage aufbauen wollte, ist der finanzkräftige Energieriese Vattenfall eingesprungen. Ein neuer Investor mit neuen Plänen. Fachleute sprechen von einer „wesentlichen Änderung“. Das Verfahren hätte neu aufgerollt werden müssen. Das Staun sieht allerdings keine „wesentlichen Auswirkungen“. Schwarz: „Eine weitere Prüfung macht keinen Sinn.“

Auch Vattenfall wehrt sich gegen die Beschuldigungen. Projektleiter Torsten Besteher hofft darauf, dass sich die Lage nach Inbetriebnahme im Dezember beruhigt. „Verurteilen Sie nicht alles im Vornhinein.“ Sämtliche Unterlagen und Zahlen seien im Staun einzusehen.

Die Zweifel am Genehmigungsverfahren für die Müllverbrennungsanlage nähren die Befürchtungen der Anwohner: Was kommt aus dem Schornstein?, fragen die Kritiker. Fast nichts, antworten Staatliches Amt für Umwelt und Natur (Staun) und der Betreiber Vattenfall.

„Der Ausstoß durch die Müllverbrennung liegt im irrelevanten Bereich“, argumentiert Staun-Abteilungsleiter Hartmut Schwarz. Eine Feinstaub-Problematik gebe es nicht. Betriebsleiter Torsten Besteher verspricht: „Sie werden nicht einmal riechen, dass die Anlage in Betrieb ist.“ Außerdem würden alle Grenzwerte eingehalten und sehr deutlich unterschritten werden. „Wir geben weniger als drei Prozent der erlaubten Abgase ab“, betont der Vattenfall-Mann.

Dieses Irrelevanz-Argument zweifeln die Gegner der Müllverbrennungsanlage an. „Das ist wahr und falsch zugleich“, sagt Günter Hering, der die Initiative für eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft und gegen Müllverbrennung gegründet hat. Wahr, weil Grenzwerte tatsächlich eingehalten werden. Falsch, weil es für viele toxische Stoffe, die bei der Verbrennung entstehen, überhaupt keine Grenzwerte gibt.

Jan Gimsa, Einwohner in Nienhagen und Professor für Biophysik an der Universität Rostock, warnt vor den „heimtückischen“ kleinen Feinstaubpartikel, die im Gegensatz zum „groben“ Feinstaub noch keinen gesetzlichen Schwellenwerten unterliegen. „Diese Toxide sind besonders gefährlich, weil sie sich weit verbreiten“, sagt der Biologe.

Eine Diskussion um viel oder wenig Staub aus dem Schlot lenke vom Wesentlichen ab. „Es kommt nicht auf die Masse, sondern auf die Menge an.“ Dieser Feinstaub sei zwar technisch nicht messbar, biologisch aber sehr wirksam. Auch wenn die gesundheitlichen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen noch nicht vollständig erforscht sind, Schlaganfälle und Herzinfarkte könnten die Folge sein.

Fest steht nur: Nienhagen und Hinrichsdorf liegen in einem Radius von zweieinhalb Kilometern. Der Ortskern von Warnemünde ist gerade vier Kilometer entfernt.
Vor Panikmache warnen andere Stimmen aus dem Nordosten. Immerhin sei der Überseehafen ein Industriegebiet und die Müllverbrennungsanlage schon seit Jahren geplant, mahnt Katrin Medler aus dem Ortsbeirat.

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