Deutschland stoppt Last-Minute-Türken: Mit 3:2 zum sechsten Mal ins EM-Finale

Junge deutsche Fußballfans jubeln am Mittwoch (25.06.2008) nach dem 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft gegen die Türkei im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft im Vereinsheim des FC Schönau (Kreis Lörrach). Ein türkischer Junge sitzt trauernd dazwischen. Fans und Bewohner des Schwarzwaldgemeinde Schönau verfolgten am Mittwoch im Vereinsheim des FC Schönau in Schönau (Kreis Lörrach), Heimatort von Bundestrainer Jogi Löw, auf einer Leinwand das Halbfinalspiel Deutschland gegen die Türkei. Die Kneipe wird von seinem Bruder Peter Pit Löw betrieben. Foto: dpa
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Junge deutsche Fußballfans jubeln am Mittwoch (25.06.2008) nach dem 3:2-Sieg der deutschen Mannschaft gegen die Türkei im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft im Vereinsheim des FC Schönau (Kreis Lörrach). Ein türkischer Junge sitzt trauernd dazwischen. Fans und Bewohner des Schwarzwaldgemeinde Schönau verfolgten am Mittwoch im Vereinsheim des FC Schönau in Schönau (Kreis Lörrach), Heimatort von Bundestrainer Jogi Löw, auf einer Leinwand das Halbfinalspiel Deutschland gegen die Türkei. Die Kneipe wird von seinem Bruder Peter Pit Löw betrieben. Foto: dpa

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26. Juni 2008, 12:57 Uhr

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft steht im EM-Endspiel. Das Team von Bundestrainer Joachim Löw gewann am Mittwochabend mit 3:2 (1:1) sein Halbfinale gegen die Türkei. Vor 39 374 Zuschauern im ausverkauften Basler St. Jakob-Park trafen Bastian Schweinsteiger (26. Minute), Miroslav Klose (79.) und Philipp Lahm (90.) für die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes. Für die Türken waren Ugur Boral (22.) und Semih (86.) erfolgreich. Im Endspiel trifft die DFB-Elf am Sonntag in Wien auf den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Spanien und Russland.

Gewonnen!

Deutschland lag daraufhin am späten Abend im Fußball-Freudentaumel: Nach dem Wackelsieg der Nationalelf gegen die Türkei dürfen die Fans weiter vom EM-Titel träumen. Millionen Menschen wurden am Mittwochabend einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, erst der Schlusspfiff in Basel erlöste die Menschen. Eine Woge der Begeisterung breitete sich in der Republik aus. Auf Fanmeilen und Straßen, vor den Riesenleinwänden und in den Kneipen feierten die Menschen das 3:2 von Ballack und Co. fast in letzter Minute und so den Einzug der deutschen Elf in das Endspiel an diesem Sonntag in Wien. 16
Autokorsos, Volksfeste - Kaum Zwischenfälle bei den Siegesfeiern in MV
Die Siegesfeiern tausender Fußball-Fans nach dem 3:2-Erfolg im EM-Halbfinale gegen die Türkei sind in Mecklenburg- Vorpommern während der letzten Nacht friedlich geblieben. Es kam nach Angaben der Polizei in Schwerin zu keinen größeren Zwischenfällen. Allerdings wurde der Sieg der deutschen Nationalmannschaft teilweise lautstark gefeiert. In den Städten gab es Autokorsos und Volksfeste. Außer der einen oder anderen Beschwerde über lärmende Fans gab es dabei aber laut Polizei keine Probleme.

Trauer und Fahnentausch bei türkischen Fans

Trauer herrschte dagegen bei Millionen türkischer Fans in Deutschland und in der Heimat. Unter den 12 000 Türkei-Anhängern auf dem Hamburger Heiligengeistfeld machte sich Enttäuschung breit. In Berlin-Kreuzberg, eine Hochburg der türkischen Gemeinde, erholten sich die Fans schnell von ihrer Trauer. Viele schwenkten auf die deutsche Flagge um. Ein deutscher Fan stellte sich vor die Fernsehkamera mit seinem türkischen Freund. „Ich tröste ihn heute, ich trockne seine Tränen“, sagte der junge Mann im RBB-Fernsehen.

Fanmeile schon vor Anpfiff dicht

Auf der größten Fanmeile der Republik in Berlin, wo rund eine halbe Million Menschen zusammengekommen war, löste der Abpfiff tausendfache Freudentänze aus. Die Menschen lagen sich in den Armen, Schwarz-Rot-Gold beherrschte das Bild. „Finale, Finale“ riefen die Fans am Brandenburger Tor.

Wegen des großen Andrangs auf der Berliner Feierstrecke waren schon eine Stunde vor Spielbeginn die Tore geschlossen worden. Die meisten Fans drückten den Spielern von Jogi Löw die Daumen. „Die Stimmung ist super, die Leute sind ausgelassen“, sagte ein Sprecherin. Bei den Toren der Türkischen Elf wogten rote Halbmondfahnen wie Inseln über den Köpfen der Fans.

Fanfeste in vielen Städten

Auch in anderen Städten hatten sich Zehntausende versammelt, um gemeinsam bei dem k.o.-Spiel im Baseler St. Jakob-Park-Stadion mitzufiebern. Das Münchner Olympiastadion war mit mehr als 30 000 Fans bereits lange vor Spielbeginn brechend voll, weitere 12 000 waren in der Innenstadt unterwegs. In Nürnberg kamen rund 25 000 Menschen zusammen, die Hälfte davon Türken. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammelten sich rund 40 000 Menschen. Auf dem Frankfurter Rossmarkt und der nahe gelegenen Konstablerwache wurden rund 10 000 Menschen geschätzt. Rund 42 000 deutsche und türkische Fans verfolgten bei der größten Feier im Norden in Hamburg das Spiel. Am Dresdner Elbufer waren 10 000 Zuschauer unterwegs, in Leipzig mehrere tausend.

In Basel, wo Bundeskanzlerin Angela Merkel im Stadion das Spiel verfolgte, feierten rund 100 000 Fans. Auch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül saß mit auf der Ehrentribüne. Die Stimmung in der EM-Stadt sei ruhiger als bei früheren Spielen gewesen, was auf die Hitze und die an einem Arbeitstag eher späte Anreise der Fans zurückgehen könne, hieß es weiter.

Auf den Feststrecken zwischen Hamburg und Stuttgart blieb es zunächst weitgehend friedlich. Die Polizei war in den meisten Teilen der Bundesrepublik aber verstärkt im Einsatz. Es bestehe kein Anlass zur Sorge, sagte etwa Christoph Gilles von der Polizei Köln. Die Erfahrungen bei der WM 2006 in Deutschland seien eine gute Grundlage. In Berlin waren 1700 Beamte im Einsatz.

Ob „Deutschland, Deutschland!“ oder „En büyük Türkiye, baska büyük yok!“ („Die Türkei ist das Größte, es gibt nichts größeres“) - ein Sprachgemisch tönte überall dort, wo sich Fans beider Länder für das Spiel warmsangen.

Vor Ort in Basel hatten Tausende ausgelassen schon viele Stunden vor dem Anstoß gemeinsam gefeiert. Deutsche Schlachtenbummler und türkische „taraftarlar“ nahmen sich gegenseitig auf die „Schippe“, es gab neckische Sprechchöre wie „Ihr kriegt keinen Döner mehr“. In der österreichischen EM-Metrople Wien herrschte dagegen weitgehend Siesta-Stimmung. Wegen eines schweren Gewitters mit Sturm musste die Wiener Fanzone mit etwa 30 000 Fans vor Spielende geräumt werden.

Ärgerliche Unterbrechungen

Für Ärger sorgte eine Panne beim Fernsehen: Die ZDF-Übertragung wurde kurz nach 22.00 Uhr komplett unterbrochen. Etwa drei Minuten später war Reporter Bela Rethy wenigstens per Ton aus Basel zu hören. Nach gut sechs Minuten konnten die Zuschauer das Spiel im Stadion wieder auf dem Bildschirm und den Riesenleinwänden verfolgen. Später schaltete sich das Bild noch einmal ab. Als Grund gab das ZDF einen Stromausfall im internationalen Fernsehzentrum der Fußball-EM in Wien an. Außer in der Schweiz seien die Fans in ganz Europa betroffen gewesen.

Politiker und Funktionäre hatten zu Fairness und Friedfertigkeit aufgerufen. Die Präsidenten beider Fußballverbände, DFB-Präsident Theo Zwanziger und sein türkischer Amtskollege Hasan Dogan, appellierten, das Spiel zu einer großen multikulturellen Feier werden zu lassen. Bundespräsident Horst Köhler zeigte sich überzeugt, dass das Spiel dazu beitragen wird, das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken zu verbessern. Der Vorsitzende der türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, hatte die Fans aufgefordert: „Schaut euch das Spiel Hand in Hand an, schwingt die Fahnen beider Länder und habt einfach Spaß zusammen.“

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