Der Zweifler im Wind - Vor 70 Jahren starb der Ausnahmekünstler Ernst Barlach

Für viele der Bildhauer. Aber auch ein Dichter und als Dramatiker ein Wortschöpfer und Philosoph und Satiriker. Nicht zuletzt ein leidenschaftlicher Spaziergänger durch Mecklenburger Landschaft. Vor 70 Jahren starb Ernst Barlach, auch an gebrochenem Herzen. Doch als Künstler ungebrochen. Folgen wir einigen seiner Spuren.

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23. Oktober 2008, 04:53 Uhr

In Güstrow. Wo sonst? In Güstrow wollen wir unsere Reise ins Barlachland beginnen. Wie bestellt steht gleich am Ortseingang an der Schweriner Straße ein Trafohäuschen, schreiend bunt bemalt mit Barlachmotiven und einem Porträt des Meisters aus Güstrow. Auch hier in der Gegend ist Barlach mit seinem Sohn Nikolaus herumspaziert, zum Grundlosen See, durch die Hügel, die er mal Kamelhöcker nannte.

Wie überhaupt die Wald- und Wiesenwege rund um Güstrow, der Parumer See, die Chausseen nach Schwerin und Goldberg, Sumpf- und Inselsee oder das heute verschwundene Ausflugslokal Oevelgönne sein, wie er sagte, Wohnzimmer waren.

Der Güstrower Fotograf Uwe Seemann wandelt seit 30 Jahren auf den Spuren Ernst Barlachs. Rund um Güstrow fotografiert er jene Orte, von denen Barlach in seinen Tagebüchern so poetisch und wortschöpferisch erzählt hat. Ein Spaziergang verzaubert sich bei ihm zu einem „Weidenwaldgang nach Seelengrün“ und „Der Wald dunstet Nebel, der Abend verhängt Schweigen“.

Im Herbst sammelt er Blätter, „diese kleinen Wunder, die in Millionen am Boden liegen“, im Frühling berauschte er sich am „maigrünen Birkengewölk“. Am meisten aber liebte er Eiseskälte, auch wenn er befürchtete, „der Winter als mißgünstiger Weihnachtsmann“ habe „mancherlei Übel im Sack“

Genau diese Stimmungen von „dunstverengten, dunstverhängten, dunstbedrängten“ und manchmal „liebestollen“ Welten hat Uwe Seemann in seinen Fotografien eingefangen. Sie sind jetzt in der Ausstellung „Barlach und Güstrow“ im Ausstellungsforum am Heidberg zu sehen. Zauberhafte, poetische und geheimnisumwitterte Bilder von nebelverhangenen Feldwegen, mondbeschienenen Ruinen und Feldern, bemoosten Baumruinen und Wurzeln, Seen im Morgendunst.

Jedes Wetter, jede Tages- oder Jahreszeit war Barlach recht, um kilometerweit über Land und Feld, Stock und Stein zu wandern. Alte Güstrower erzählten dem Fotografen, wie sie immer wieder erschraken, wenn der Bildhauer wie eine Geistergestalt aus dem Nichts irgendwo auftauchte. Seinen Ruf als Sonderling hat sich Barlach auch durch seine Streifzüge redlich verdient.

„Hier ist es eng und weit zugleich“
Güstrow ist die Barlachhauptstadt, daran lässt der Kunsthistoriker Dr. Volker Probst, Geschäftsführer der Ernst-Barlach-Stiftung Güstrow und der drei Güstrower Barlach-Museen, keinen Zweifel. Natürlich: Barlach wurde am 2. Januar 1870 in Wedel/Holstein geboren. Er ging in Hamburg auf die Gewerbeschule, studierte in Dresden, lebte in Paris, Hamburg und Berlin, bevor er in einer schweren Sinn- und Lebenskrise nach Russland reiste und dort zu sich und seiner Kunst fand.

Aber seinen Lebensmittelpunkt hatte er dann von 1911 bis zu seinem Tod am 24. Oktober 1938 in Güstrow. „Hier ist es eng und weit zugleich“, vertraute er seinem Tagebuch an. Und: „Ich fühle mich der Landschaft hier so verwachsen.“

„Wer Barlach am authentischen Ort erleben will“, so Probst, „muss nach Güstrow kommen.“ Hier gibt es den größten Bestand an Barlachwerken weltweit, mehr als 1000 Arbeiten aus allen Schaffensperioden – Plastiken wie „Der Wanderer im Wind“ (1934), „Lachende Alte“ (1937), „Der Zweifler“ (1937), nicht zuletzt der Schwebende Engel mit den Gesichtszügen von Käthe Kollwitz, das berühmte „Güstrower Ehrenmal“ (1927) im Dom. Auch 2500 Zeichnungen und 300 Drucke sowie ein riesiger handschriftlicher Nachlass betreut die Stiftung.

Probst nennt auch Barlach „einen der größten Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts“. Kaum bekannt ist das frühe schriftstellerische Werk Barlachs, kurze, auch humoristische Erzählungen, die noch nie in einem Buch erschienen sind. Da 95 Prozent der Handschriften gar nicht aufgearbeitet sind, dürfen sich Barlach-Forscher und -Freunde in den nächsten Jahrzehnten auf so manche Überraschung freuen.

„Mein Weg war richtig“
Am 70. Todestag des Ausnahmekünstlers Barlach muss auch die Frage diskutiert werden, ob sich Barlach, nach all den Demütigungen durch die Nazis, das praktische Arbeitsverbot, das ihn auch in Existenznöte stürzte, an seinem Lebensende als künstlerisch gescheitert betrachtete. Dr. Volker Probst verweist auf eine der letzten Arbeiten Barlachs, den „Zweifler“, ein Mann auf den Knien, aber aufrecht, unbeugsam, fast trotzig das Gesicht erhoben –  „Mein Weg war richtig.“

Ob im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder unter den Nazionalsozialisten, wie der politische Wind auch wehte, für Zugeständnisse war Barlach nie bereit. War nie bereit, sein Menschenbild den Moden anzupassen. In seinen Arbeiten gab es keinen Heroismus, nur den geerdeten Menschen in seiner Trauer, seiner Freude, seinem Leid. Wie zeitlos modern Barlachs Plastiken sind, bezeugen die 50 000 Besucher, die jährlich nach Güstrow kommen. Wie kulturübergreifend seine Arbeiten wirken, bewies der große Publikumserfolg der Barlach-Retrospektive 2006 in Japan.

„In meinen Stücken steckt ein Berg von Humor“
Die Entdeckung des sprachmächtigen Dramatikers Ernst Barlach steht noch aus. Seine Stücke, u. a. „Der tote Tag“, „Der arme Vetter“, „Die Sündflut“, „Die echten Sedemunds“ oder „Der blaue Boll“, gelten an den Theatern gemeinhin als Kassengift oder wegen ihrer verrätselten, mystisch-dunklen Sprache als unspielbar. Dabei fand Barlach selbst, er sei „lachbar“. In seinen Stücken, meinte er, stecke ein Berg von Humor. Nur leider machten die Regisseure Maulwurfshügel daraus.

Aber immer wieder wagen sich dennoch Theaterleute an den dramatischen Barlach. Im Moment probt zum Beispiel der Dramaturg Marc Steinbach im Schweriner Kneipentheater „Werk 3“ eine szenische Lesung des „Blauen Boll“. Sie wird am 8. November Premiere haben. Steinbach interessiert am „Boll“ die Not von Menschen, „sich in einer verändernden Welt selbst zu verändern“.

Neben den drei Spielern wird einem weiteren, geistvollen Spieler eine schwankende Rolle zukommen. Ein Requiem im Delirium zum 70. Todestag.

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