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Kastanie, Birke und Co sorgen für angenehme Luft : Der Zauber grüner Riesen

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Bei uns in Deutschland ringen scheinbar die Linde und die Eiche um den Titel "Nationalbaum", obwohl beide im Wesen total verschieden sind. Unbestritten hat die Eiche eine bewegte und lange Geschichte.

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erstellt am 27.Apr.2011 | 11:51 Uhr

Die duftend goldene Krone einer Linde im Juni, erfüllt vom Summen emsiger Bienen. Die elegant wirkende Rotbuche mit ihrem silbergrauen Stamm und das hauchzarte Flechtwerk ihrer bemoosten Wurzeln. Der zerfurchte und mächtige Stamm einer alten Eiche. Die Kerzenblüten der Rosskastanie. Wir müssen nicht lange suchen, um den Zauber der Bäume zu verstehen. Hermann Hesse schreibt 1919 in einer den Bäumen gewidmeten Betrachtung: "Nichts ist heiliger, nichts ist vorbildlicher als ein schöner starker Baum. Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuhören weiß, der erfährt die Wahrheit." Tatsächlich sind viele Nationen mit bestimmten Arten besonders verwachsen. Was dem Deutschen die Eiche und die Linde, das ist dem Russen die Birke und dem Kanadier der Ahorn.

Bei uns in Deutschland ringen scheinbar die Linde und die Eiche um den Titel "Nationalbaum", obwohl beide im Wesen total verschieden sind. Unbestritten hat die Eiche eine bewegte und lange Geschichte. Kelten und Germanen verehrten sie als einen den Göttern geweihten Baum. Sie galt als Baum der Stärke und der Ausdauer, und es gab im 20. Jahrhundert Zeiten, wo sie selbst patriotischen Zielen dienen musste. Ebenso lebendig, jedoch wohltuend sanfter, ist die Geschichte der Linde. Die Germanen weihten sie Freya, der Göttin der Liebe, der Fruchtbarkeit und der Schönheit. Linden erinnern an dörfliche Idylle, an fahrende Sänger und Brunnen vor dem Tore. Die Dorflinde war der Ort der Geselligkeit, hier wurde geschwätzt und gezecht, und sie war der Treff der Verliebten. 1822 greift Wilhelm Müller zur Feder und fasst seine Gedanken und Empfindungen zu einem Vers zusammen, der in dem bekannten Volkslied "Der Lindenbaum" verewigt ist. Wer heute eine sehr alte und besonders majestätische Dorflinde sucht, findet sie in Wilsen. Ein beherzter Naturfreund hat sie Ende der 1970-er Jahre vor der Säge bewahrt. Danach wurde sie zum Naturdenkmal erklärt. Sie lebt, nicht nur zur Freude derjenigen, die sie zeichnen oder malen. Wer noch stehen bleiben kann, der findet unter ihrer Krone wohltuende Ruhe und kann Kraft schöpfen. In jedem Land, in jeder Kultur finden wir Bräuche, die sich um den Baum bewegen. Lieder und Gedichte, Sagen und Legenden bringen viele solcher Bräuche zutage. In indianischen Ritualen steigt noch heute der Medizinmann mit Hilfe eines Baumes in die geistigen Welten hinauf. Aber was bleibt von den alten Bräuchen? Werden oder sind sie schon eine Sache der Volkskundler? Weil alles nach der Nützlichkeit zu bemessen ist, erklären wir, welche bedeutsamen Funktionen die Bäume ausüben. Wie wichtig sie für das Kleinklima sind, weil sie Wasser speichern und für ausgeglichene Temperaturen sorgen. Wie effektiv sie Staub und Abgase aus der Luft filtern, wie wunderbar sie den Lärm der Straßen schlucken und wie sie die Bodenerosion spürbar mindern. Aber womit ist zu erklären, dass wir heute mit den so wichtigen und funktionstüchtigen "Landschaftselementen" offensichtlich immer schlechter oder gleichgültiger umgehen? Da muss die Kastanie beseitigt werden, weil sie dreckig sei. Ein anderer Baum muss sterben, weil sein Schattenwurf unerträglich ist. Auf den Baustellen fehlt es oft an der Sorgfalt und Einsicht, Bäume als Lebewesen zu behandeln. Es sind Lebewesen! Vielerorts stürzen die Bäume gleich gruppen- oder reihenweise, weil sie den Bau- oder anderen Zielen im Wege stehen.

Trotz allem und der Symptomatik des Umgangs mit Bäumen lebt das Brauchtum weiter. So ist es immer noch guter Brauch, dass als Zeichen des Frühlings und der Fruchtbarkeit ein Kletterbaum, der Maibaum, aufgestellt wird. Politiker greifen bei besonderen Anlässen zum Spaten und pflanzen einen Baum und lassen sich fotografieren. Hier und da werden noch Hausbäume gepflanzt. Wer alte Hausbäume bestaunen will, findet sie beispielsweise in Wahlstorf, Gallin und Lutheran. Wenn auch seltener als einst, wird zur Geburt eines Kindes ein Laubbaum gepflanzt. Ein schöner Brauch, und er passt in die moderne Zeit. Wer meint, dass sein Grundstück für eine Linde zu klein ist, pflanzt eben einen Apfel-, Birn- oder Walnussbaum.

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