Automatik eines Telekom-Anrufbeantworters auf Abwegen : Der Spuk mit der sprechenden Mailbox

Gerd Drewes ist 89 Jahre alt, kann mithin auf eine Menge Erfahrungen mit Telefonen zurückblicken. Seit anderthalb Jahren ist der Flensburger jedoch ein Stalking-Opfer. Und die Täterin ist die Sprachbox der Telekom.

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27. Juli 2012, 06:30 Uhr

Gerd Drewes ist 89 Jahre alt, kann mithin auf eine Menge Erfahrungen mit Telefonen zurückblicken. Aber was ihm seit anderthalb Jahren der häusliche Fernsprechapparat serviert, lässt den Flensburger dann doch ins Grübeln kommen. Genau genommen ist Gerd Drewes ein Stalking-Opfer. Und die Täterin ist die Sprachbox der Telekom. Was ist dort los?

In der Wohnung des Rentners kommt es mindestens vier Mal die Woche zu einer folgenreichen Begegnung zwischen einem noch fest in der analogen Welt verwurzelten Menschen und der schönen neuen digitalen Wunderwelt des 21. Jahrhunderts. Und ewig verliert dabei der Mensch. Drewes mag sprechen mit wem er mag: Nach längerer Dauer des Telefonats drängelt sich die moderne Technik rücksichtslos dazwischen. „Erst kommt mitten im Gespräch drei Mal ein Klingelzeichen und dann meldet sich eine Automatenstimme“, sagt Drewes.



Die Stimme kommt von der Sprachbox, einem digitalen Anrufbeantworter, den die Telekom für ihre Festnetzkunden gratis bereit hält. Sie informiert Drewes präzise vom Eingang eines Anrufes in Abwesenheit und teilt ihm eine Nummer mit, unter der er die Sprachnachricht abrufen kann.



Das alles aber interessiert Gerd Drewes herzlich wenig. Er hätte lieber das Telefonat mit dem Gesprächspartner fortgesetzt, den die Sprachbox kurzerhand aus der Leitung gekegelt hat. Vor drei Tagen geschah es zuletzt. Eine Bekannte aus Meyn, mit der er regelmäßig telefoniert. „Ich konnte gerade noch Hallo sagen. Dann ging aber auch schon die Sprachbox dazwischen. Das ist doch bescheuert. Oder nicht?“



Eine außer Kontrolle geratene Technik sorgt offenbar für stille Alltagsdramen hinter den Wänden des Mehrfamilienhauses im Adelbykamp. Natürlich versuchte Drewes die widerborstige Zusatzfunktion seines Telefons auszutricksen. Indem er seinerseits das Gespräch unterbrach, zum Beispiel. Doch auch hier musste er die Segel streichen und anerkennen, dass ein Computerprogramm immer am längeren Hebel sitzt. „Ich hab’ einfach aufgelegt. Aber das Ding klingelte immer wieder. Ich dachte, die müssen doch was merken. Aber so ein Computer merkt nichts!“

Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, verbünden sich anscheinend auch andere elektrische Komponenten mit der biestigen Sprachbox. Drewes schwört: „Wenn das Ding anspringt, geht eine Stehlampe aus und der Fernseher auch. Ist die Ansage vorbei, geht die Lampe wieder an. Nur der Fernseher nicht. Den muss ich dann immer von Hand anschalten.“ Er hält es mittlerweile nicht mehr für ganz ausgeschlossen, dass es in seiner Wohnung spukt. Einwände, es könnten vielleicht auch Bedienungsfehler vorliegen, lässt der Flensburger nicht gelten. „Das einzige, was sich in den letzten Jahren verändert hat, ist der Vertrag. Der geht jetzt über eine Flatrate. Und seither fängt das Ding auch zu spinnen an.“ Im übrigen habe er mit Hilfe seiner Kinder auch schon mehrfach die Telekom um Hilfe gebeten. „Beim telefonischen Kundenservice hat man mir gesagt, dass sie die Box abschalten. Passiert ist nichts. Ein Techniker, der ins Haus kam, hat keine Störung feststellen können. Ich weiß auch nicht mehr, was man da noch machen kann.“

Die Pressestelle des Unternehmens hat sich des Falles jetzt angenommen. Telekomsprecher Lorenz Steinke kündigte an: „Wir prüfen den Fall!“ Bis dahin aber ist Gerd Drewes auf sich gestellt. Besonders heute. „Freitags“, sagt er, „Freitags ruft die Sprachbox besonders häufig an ...“

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